Bikepacking Dänemark-Schweden 2023 / Woche 1

“ Das Schöne am Reisen ist,
dass man nie so zurückkommt,
wie man losgefahren ist.“

 

Anreise:

8 h Busfahrt steht mir nun bevor. Genug Zeit um mir Gedanken über diese Reise zu machen.
Der Vorteil vom Flixbus – er hat deutlich weniger Haltestopps als die Bahn.  Somit auch weniger Möglichkeiten zu kneifen und wieder auszusteigen.

Ich weiß nicht, wie lang ich unterwegs sein werde, ich weiß nicht, was alles auf mich zukommen wird und ich weiß auch nicht, ob immer alles ohne Probleme verlaufen wird aber ich weiß, dass ich anders zurückkommen werde als ich losgefahren bin.
Die kommende Zeit wird hoffentlich nicht nur viele gute und lehrreiche Erfahrungen mit sich bringen, sondern mir auch eine innerliche Stärke zurückbringen.
Allein auf diese Tour zu gehen, wird mich mit vielen Situationen konfrontieren, denen ich sonst gut aus dem Weg gehen konnte und die mir vielleicht auch nicht immer ganz so leicht fallen.
Es geht damit los, dass ich mich in allen Belangen allein verständigen muss. Wer mich kennt weiß, dass mein Englisch nicht das Beste ist.
Wie und wo ich übernachten werde, entscheide ich spontan. Es wird eine Mischung aus Shelter, Campingplatz , unter freiem Himmel und Warmshowers. Bei Letzterem schreibt man den Gastgebern auf einer Plattform und fragt die Übernachtung an. Man kann dann sein Zelt im Garten aufschlagen oder bekommt ein Zimmer oder eine Couch angeboten.
Die ersten drei Anlaufpunkte in Deutschland werden also für mich 3 völlig fremde Menschen sein.

Auch wenn ich immer wieder Momente habe, in denen ich großen Respekt vor dieser Reise habe, weiß ich, dass ich mich dieser Herausforderung stellen will und dass ich an ihr wachsen werde.
Und damit es auch nicht zu einfach wird, hab ich mir eine kleine Challenge auferlegt. Irgendwo im Reisegepäck, zwischen Kocher, Klamotten und Zelt , steckt der Trainingsplan für den Berlin-Marathon.

Tag 1: Hamburg – Bosau 85 km

Fazit Flixbus:
Es ist eine gute Alternative zur Bahn. Eine Stunde später als geplant komme ich in Hamburg an, aber das wäre mit der DB vermutlich auch so gekommen und man hat wenigstens die Sicherheit, dass das Rad mitgenommen wird. Wlan und Strom an Bord helfen zum Glück ganz gut gegen die Langeweile.
Johannes holt mich vom ZOB ab und nachdem die Gegend wohl das Drogenviertel der Stadt ist, bin ich darum auch recht froh.

 Wie für Hamburg wohl üblich, startet der Tag bewölkt. Aber egal. Perfektes Wetter für Intervalle um die Alster.
Gegen 8:45 Uhr bin ich dann endlich startklar – das Bepacken vom Rad muss jedoch die nächsten Tage noch deutlich schneller vonstatten gehen und vor allem:
Mit 2 Händen klappen und nicht mit 4.

 Die ersten 5 km geht es von einer roten Ampel zur nächsten – jetzt weiß ich wieder, warum ich nicht in einer Großstadt leben will. Doch dann wird es schnell besser. Beschauliche Ortschaften, links und rechts überall die typischen Backsteinhäuser. So langsam lässt auch die Anspannung ein wenig nach. Allerdings sind die Autofahrer  hier im Norden auch nicht wirklich entspannter. In einem kleinen Dorf hupt mich ein LKW von hinten an. Es gibt keinen Radweg, lediglich einen schmalen Fußweg. Ich schüttle nur mit dem Kopf und lasse ihn überholen.
1 km weiter begegnen wir uns erneut. Schon von weitem winkt und lacht er. Etwas verwundert über den Stimmungswandel fahre ich näher ran. “ Das war nicht böse gemeint. Ich wäre auch hinterher gefahren.“ Und nun muss auch ich lachen.
Es gibt also doch noch ein paar vereinzelt Rücksichtsvolle.

 Beim Weiterfahren dann immer wieder ein leichtes Knacken. Schlagartig ist die Anspannung zurück. Ich kann es nicht genau orten. Manchmal meine ich, es kommt vom Sattel, dann wieder eher vom Tretlager, welches aber eigentlich kontrolliert wurde. Ich beschließe, am nächsten Tag in Flensburg einen Fahrradmechaniker darüber schauen zu lassen.

 

Meine heutige Übernachtungsmöglichkeit habe ich über Couchsurfing gefunden. Bei Matthias, in der Nähe von Plön, darf ich die Nacht auf der Couch verbringen. Ich werde super herzlich empfangen, bekomme einen Schlüssel in die Hand gedrückt und soll mich wie zuhause fühlen. Er ist zwar selbst kein Radreisender, aber wohl sehr viel als Backpacker unterwegs.
Ich bin gespannt, welche Geschichten er mir im Laufe des Abends noch erzählen wird.

Die immer mal wiederkehrenden mulmigen Gedanken, was ich hier eigentlich die nächsten Wochen vor habe, kann ich heute noch gut abschütteln.

Tag 2:  Bosau – Flensburg 137 km

Der Abend bei Matthias ist gefüllt mit tollen und auch sehr hilfreichen Gesprächen. Erst nach 23 Uhr mache ich das Licht aus. Einige seiner Worte schwirren mir aber noch länger durch den Kopf und werde ich auf jeden Fall mit auf meine Reise nehmen.
Was für eine schöne und positive erste Warmshowers-Erfahrung.

137 km liegen vor mir.
Am Abend habe ich noch eine Schraube am Sattel fester gezogen, in der Hoffnung, dass das Knacken davon kommt. Schon nach 500 m zerschlägt sich jedoch diese Hoffnung.
In Plön nun ein kurzer Stopp beim Bäcker und wie es immer so ist, es kommt danach ewig keine Möglichkeit mehr zum Frühstücken. Am Ende lande ich auf einer Spielplatzbank.

Bei der Durchfahrt von Preetz springt mir das Schild eines Fahrradladens ins Auge. Die Gunst der Stunde nutze ich und erzähle von meinem Problem. Das Geräusch kommt tatsächlich vom Sattel. Der Mechaniker zieht eine Schraube nach. „Das sollte es gewesen sein „..
Spürbar erleichtert fahre ich weiter und werde das erste Mal ein wenig nass. Zum Glück nur ein paar Tropfen, die nicht weiter stören. Und auch die Freude über das gelöste Sattelproblem währt nicht lange. Nochmal zurück mag ich nicht, also muss ich bis Flensburg warten.

In Kiel dann dasselbe Spiel wie in Hamburg – nur rote Ampeln,  ständig Stop and Go. Ich brauche eine gefühlte Ewigkeit, bis ich die Stadt endlich hinter mir habe.
Am Ortsausgang nun das nächste kleine Radgeschäft
-Zweiter Versuch –
Auch hier wird der Sattel als Ursache erkannt. Der nette Mann stellt ihn mir ein wenig weiter vor und gibt mir noch den Tipp, mein Gepäck in Flensburg ein wenig anders zu verteilen. Äh, warum?
Zu viel Gewicht hinten und zu wenig vorne.
Prima, jetzt bin ich noch beunruhigter, er versichert mir aber, dass das Rad es schon aushalten sollte…

Noch 80 km bis Flensburg. Das Geräusch ist zwar etwas weniger aber immer noch nicht weg.
So lange warte ich nicht. Also schnell alle Taschen runter, die Gaskartuschen auf beide Seitentaschen verteilt und die Isomatte nach vorn.
Die vielen Blicke der wartenden Autofahrer an der Ampel ignoriere ich einfach mal.

Ständig kreisen die Gedanken um das nervige Geräusch. Vielleicht sollte ich einfach mal den Sattel komplett rausnehmen, auch wenn ich mich zeitgleich frage, was das bringen soll. Egal, es wird jetzt ausprobiert.
Weiter gehts und ich höre……. Nichts ! Wie, das solls jetzt gewesen sein?
Ich lass mich noch 1-2 x etwas stärker auf den Sattel fallen aber es bleibt ruhig. Wohl nochmal Glück gehabt.

So nach und nach kommt das Vertrauen in mein Rad zurück. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als das Knacken wieder ab und zu zu hören ist. Aber was einmal funktioniert hat, funktioniert vielleicht auch nochmal. Also Sattelklemme kurz auf und wieder zu und auch diesmal hilft es.
Okay.. damit kann ich leben auch wenn ich mir nicht erklären kann, was dir Ursache für das Geräusch sein soll.

Leider meint es heute der Wind nicht gut. Bis zum Nachmittag wird er immer stärker und kommt von der Seite, meist aber direkt von vorn. Dazu auf 137 km ein Hügel nach dem Anderen. Nie lang, nie steil, aber es zerrt an den Kräften. Wahrscheinlich sind das heute alles kleine Prüfungen für die nächsten Wochen, denn noch hab ich die Möglichkeit, das Ganze relativ unproblematisch abzubrechen.

Mein heutiges Ziel ist Jule in Flensburg. Auch hier werde ich wieder super lieb empfangen und bekomme alles, was ich für die Nacht brauche. Was für ein schönes Gefühl, wenn man überall ein willkommener Gast ist. Und als Belohnung falle ich heute beim Running Sushi ein, bevor ich mich die nächste Zeit mit einfachen Supermarktsachen zufrieden geben muss.

Tag 3: Flensburg nach Sandskaer 86,5 km

Am Morgen verabschiede ich mich bei Sonnenschein von Jule. Der Tag soll wechselhaft werden. Ich lass mich überraschen. Da ich die kommende Nacht in einem Shelter oder auf einem Campingplatz verbringen werde, ist es heute etwas entspannter. Denn ob ich 50 oder 100 Kilometer fahre, ist am Ende egal.

Die ersten 2 km rolle ich noch durch Flensburg, dann bin ich auch schon aus der Stadt. Auf einem geschotterten Radweg, dem Østersøruten, geht es durch den Wald und das erste Mal muss ich schieben. Manche Steigungen schafft man mit Gepäck dann doch nicht mehr.
Zurück auf der Straße dann schon dänische Schilder. Die Landesgrenze verlief dann wohl irgendwo durch den Wald.
Schade. Gern hätte ich das „Denmark – Schild“ fotografiert.
Spätestens als ein schöner Picknicktisch nach dem Anderem kommt, weiß man aber ohnehin, dass man nicht mehr in Deutschland ist.
Mit Sonne und einem tollen Blick aufs Meer schmeckt das Frühstück gleich noch besser. Die dunklen Wolken hinter mir lassen mich allerdings schnell weiterziehen.

Schon nach wenigen hundert Metern dann die ersten Tropfen. Zum Glück nur ein kurzer Schauer und es reicht ein Parkplatz mit dichteren Bäumen, um nicht nass zu werden.
Nach 5 Minuten ist alles vorbei und mit Wind von hinten komme ich gut voran. Dass es mit dem Wind noch anders werden sollte, ahne ich da noch nicht.

Ich schaffe es bis Sonderburg, bevor die nächste Regenwolke herunterbricht. Gestern gabs ein Werkstattstopp nach dem Anderen, heute sind es Regenstopps… Aber was soll’s. Apropo Werkstatt… Seit 35 km gibt mein Rad keine Geräusche von sich. Nur der Gummi von der Lenkertasche quietscht aber nicht so laut, dass es andere Geräusche übertönen würde.
So darfs jetzt gern bleiben.

Nach der kurzen Pause in Sønderburg fahre ich weiter.. allerdings nicht weit.
Eine Bushaltestelle am Ortsausgang wird mein nächster Unterschlupf. Das Tückische , der Regen geht urplötzlich los. Man hat also die Möglichkeit, einfach jede zweite Bushaltestelle zu nehmen, 10 Minuten zu warten und dann sicher trocken zu stehen oder man fährt einfach weiter und hofft auf einen gut bewachsenen Baum, sobald es losgeht.
Ich wähle eine Mischung aus beidem, aber nur weil ich mich des Öfteren verkalkuliere.
Um 12:30 Uhr dann endlich ein größeres, regenfreies Fenster. Ich schicke Gabi in Deutschland eine WhatsApp, „bis 14 Uhr bleibe ich jetzt mal trocken“.
10 Minuten später stehe ich unter dem nächsten Baum 🙄.
So geht es die nächsten Stunden weiter. Bei 25 Grad wäre alles halb so schlimm, aber bei 16 will ich nicht nass werden. Richtig warm werde ich den ganzen Tag sowieso nicht. Nichtsdestotrotz, einen Vorteil hat es, je mehr ich anziehen muss, desto weniger Gewicht ist hinten in den Taschen 🥴 Aber ich hab das schon verstanden – es ist heute einfach eine neue Prüfung.
Für die Nacht checke ich beim Sandskaer Strandcamping ein. Learning by doing, mein Zelt melde ich auf Englisch an.
„Können Sie Deutsch? Das spreche ich lieber.“, spricht mich die Rezeptionistin an. Hm..okay.
23€ für eine Nacht mit Zelt ist schon nicht so günstig, aber dafür wird man sehr freundlich empfangen und es steht eine top ausgestattete Küche zur Verfügung. Das kommt mir natürlich gelegen, auch wenn froh wäre, wenn die Gaskartuschen mal etwas leichter werden würden.  Ansonsten ist der Platz nicht wirklich mein Geschmack. Viel zu groß und nur Wohnmobile.
Am Abend bleibt es zum Glück längere Zeit trocken. Ein kleines Zuckerl damit ich bei Laune bleibe.

Tag 4: Sandskaer – Galsklint

109,8 km

Die erste Nacht im Zelt habe ich hinter mir. Natürlich nicht ohne Bewährungsprobe. Die ganze Nacht immer wieder Regenschauer. Sonderlich gut geschlafen hab ich leider nicht.
Am Morgen wische ich das Zelt außen ein wenig trocken und gehe zum Laufen.
Schon nach 15 Minuten regnet es wieder. Laut Regenradar kommt aber nicht mehr viel nach…
Mittlerweile weiß ich es zum Glück besser und schenke dieser App keinen großen Glauben mehr, was sich während des ganzen Tages immer wieder als richtig erweist.
Als ich zurück bin, folgt schon der nächste Wolkenbruch. 45 Minuten harre ich im Zelt aus, bis ich es endlich abbauen kann.
Kurz bevor ich aufbreche fülle ich in der Küche schnell noch meine Flasche auf, als ich in die verwunderten Gesichter zweier Wohnmobil-Hausfrauen schaue. Man könnte meinen, ich komme vom Mond. Dass man als Bikepacker so ungläubig angeschaut wird, wundert mich in so einem Land wie Dänemark  dann schon etwas.  Als ich die 50 Meter zurück zu meinem Rad gehe und noch einmal den Blick über die „Wohnmobilstadt“ schweifen lasse, wundert es mich dann doch nicht mehr so sehr.
Die ersten 50 Kilometer , bis kurz vor Heljsminde, bleibe ich, zumindest von oben, weitergehend trocken. Danach muss ich wieder Unterschlupf unter einem Baum suchen.
Widererwartend begegnen mir nur ganz wenig Radreisende. Nur hin und wieder kommt mir mal einer entgegen, aber die kann ich bis jetzt an einer Hand abzählen. Umso größer ist dann die Freude, wenn man Gleichgesinnte sieht… Auf beiden Seiten. So fühle ich mich dann doch nicht ganz so allein mit dem, was ich gerade mache.
Was die Radwege hier betrifft, kann sich Deutschland wieder mal nur schämen. Top ausgeschilderte Rad- und Fernradwege, die größtenteils über abgelegene, ruhige Wege und Straßen führen.
Bis Kolding  kommt dann sogar mal die Sonne raus. Gern würde ich irgendwo einen Kaffee trinken aber der Blick in den Himmel lässt keine Ruhe aufkommen. Überhaupt fühle ich mich aktuell noch, als wäre ich seit 4 Tagen auf der Flucht.
In Kolding ein kurzer Supermarktstop, bevor ich die letzten 15 Kilometer zum Campingplatz in Angriff nehme. Allerdings wartet auf mich nun der bisher schlimmste Streckenabschnitt. Auf einer viel befahrenen Straße gibt es für Radfahrer nur einen schmalen Seitenstreifen. Und auch der Asphalt, wie soll es auch anders sein, ist schon wieder komplett nass ist. Echte Freude kommt nur wenig auf.
Da ich die letzten 2 Jahre Dänemark nur mit solch wechselhaftem Wetter kenne, beschließe ich meine Route zu ändern und schon früher nach Schweden überzusetzen. Letztes Jahr ist das Wetter dann auch schlagartig besser geworden, nachdem wir schwedischen Boden betreten haben. Vielleicht funktioniert das ja jedes Jahr.
Für die Nacht hab ich mir einen kleinen Campingplatz bei Middelfart ausgesucht.
Auf der Zeltwiese stehe ich mutterseelenallein. Aber vielleicht gesellen sich im Laufe des Abends ja noch ein paar Radfahrer dazu.
Auch hier gibt es wieder eine Küche, die neben vielen Kochgelegenheiten, auch Backöfen zur Verfügung stellt. Warum man dann allerdings seinen Gas-Kocher neben die Herdplatte stellt und damit sein Abendessen kocht, konnte ich leider nicht herausfinden aber die beiden Herren hinter mir werden sich da sicherlich was bei gedacht haben.

Mit meinem Englisch komme ich übrigens auch hier wieder nicht zum Zug. „Ich spreche deutsch“, steht auf einem großen Schild über dem Kopf der Rezeptionistin.

 Den Abend lasse ich in der Sonne am Wasser ausklingen. Angeblich soll es ja morgen mal nicht regnen. We will see.
Tag 5: Galsklint nach Juelsminde
99,1 km 

Der Tag beginnt mit Sonnenschein und ich habe sogar einigermaßen gut geschlafen. Leider muss ich trotzdem wieder ein nasses Zelt einpacken, die Luft am Wasser ist einfach immer feucht.
Fertig gepackt hänge ich schnell noch das Handy im Fernsehraum für ein paar Minuten an den Strom, während ich bezahlen gehe. Dass der Code für diese Räume nach dem Bezahlen sofort deaktiviert wird, war mir nicht bewusst und so komme ich natürlich nicht mehr an meine Sachen.
Also schnell die Rezeptionistin zur Hilfe holen.
Auf dem Weg zum Fernsehraum frage ich sie ,woher sie denn so gut Deutsch sprechen kann.
„Ich habe als Kind immer die Sesamstraße geschaut.“, antwortet sie ganz selbstverständlich.
Hm… Hätte ich Peppa Wutz mit Anna  auch mal lieber auf Englisch geschaut.

Angetrieben vom schönen Wetter, habe ich mir vorgenommen, heute mehr als 100 km zu fahren. Wer weiß, wie es morgen weitergeht. Da mich  jedoch heute eine typische Komoot-Strecke ärgert, wird aus diesem Vorhaben nichts. Viele Waldwege und vor allem viele steile Rampen.
Einmal verirre ich mich in ein Waldgebiet, in dem wohl eher Mountainbiker ihre Freude haben. Immer wieder muss ich schieben.
Irgendwann begegne ich einem anderen Fahrradfahrer. In der Hoffnung, dass er sich hier auskennt, spreche ich ihn an. Gemeinsam schauen wir auf seinem Handy nach einer Alternative, die es aber nicht wirklich gibt. 500 m weiter versperren mir dann stachelige Büsche komplett den Weg.
Hier geht es für mich definitiv nicht weiter.
Also 100 m zurück und die steile Straße hinauf. Das ganze verlängert meine Strecke zwar nicht, aber bringt mir unnötige Höhenmeter dazu.
Unterwegs komme ich kurze Zeit später an einem wunderschönen Shelter vorbei. Nagelneu, direkt am Meer, daneben ein kleiner Hafen. Leider zu früh für mich.
Durch Velje versuche ich dann schnell durchzukommen, diese Stadt war bereits ein Ziel der Reise vom letzten Jahr.

Unterwegs mache ich mir Gedanken über meine weitere Route. In Grenaa habe ich die Möglichkeit, eine Fähre um 13:35 oder um 0:45 Uhr zu nehmen. Das Schiff in der Nacht käme mir eigentlich ganz gelegen. Ob ich im Zelt oder auf dem Schiff schlecht schlafe, macht keinen Unterschied und die Ankunftszeit um 6 Uhr würde mir einen langen Radtag bescheren. Ob ich mich allerdings mitten in der Nacht im zwielichten Hafenviertel herumtreiben möchte, muss ich mir erst noch überlegen.

Als ich mich den 100 Tageskilometern nähere, liegt Juelsminde vor mir. Leider gibt es hier keinen geeigneten Shelter, aber dafür einen Campingplatz.
Schon von weitem sehe ich, dass dieser dem ersten auf meiner Reise ähnelt.
Egal, spätestens in Schweden wird es besser. Und da zieht es mich jetzt immer mehr hin. Solche top ausgestatteten Küchen werde ich dort dann wahrscheinlich nicht mehr finden, aber der Gaskocher will eh mal benutzt werden.

So langsam kommt nun auch Routine in die täglichen Abläufe. Das Zelt ist mittlerweile schnell auf- und  abgebaut und auch in den Taschen hab ich ein System. Dennoch wundert es mich jeden Tag wieder, was man für eine große und verdrehte Zeltwurst in diese Tasche bekommt🙈

Am frühen Abend dann das erste kleine Tief. Zu viele Gedanken  überschatten das Ende des Tages. Ich weiß nicht, inwiefern die Gefühlswelt hier rein gehört, aber auch auf einer Reise, bei der man mit ganzem Herzen dabei ist, gibt es leider auch Momente, in denen es einem nicht so gut geht. Aber das gehört dazu und morgen geht es mit alter Motivation und Vorfreude weiter in Richtung Fähre nach Schweden.

P.S. Eine 4€ teure Kugel Eis richtet eh alles 🙈

Tag 6: Juelsminde nach Kolovig bei Rønde
106,8 km
Eingeschlossen zwischen Wohnwägen verkrümel ich mich am Abend in mein Zelt. Der 5te Tag hintereinander auf dem Rad schlaucht dann doch etwas.
Doch an schlafen ist erstmal noch nicht zu denken. Hinter mir lautstarkes Gerede, neben mir Zeltreißverschluss auf, wieder zu, auf, wieder zu, gegenüber ein unzufriedener Hund…
Irgendwann gegen Mitternacht kehrt dann doch mal Ruhe ein.
Mit 11, maximal 12 Grad, sind die Nächte hier dieses Jahr alle sehr kühl. Mit Daunenjacke, Socken und bis Anschlag geschlossenem Schlafsack übersteht man aber auch solche Temperaturen einigermaßen.
Ich starte relativ früh in den Tag, da es bis 13 Uhr angeblich trocken bleiben soll.
Jeden Morgen bin ich wieder erstaunt, wie viele Federn so ein blöder Schlafsack verlieren kann. Wüsste ich es nicht besser, würde ich meinen, ich kämpfe jede Nacht mit einem Huhn 🙄.
Schon kurz nach 7 Uhr sitze ich fertig gepackt auf dem Fahrrad. Da ich unbedingt morgen auf die Fähre möchte, muss ich heute einige Kilometer schaffen.
Am Abend zuvor hab ich mir die Route über Komoot ein wenig verkürzt, bekomme sie aber wieder mal nicht auf meinen Tacho geladen 🙄 Das übliche Problem. Also heißt es improvisieren.
Immer wieder muss ich die Karte rein- und wieder rauszoomen, um einigermaßen die richtige Richtung zu erwischen. Dadurch fahre ich zu Beginn recht lang auf einer größeren Straße aber wenigstens  komme ich schnell vorwärts. Solche Wege wie gestern kann ich heute nicht gebrauchen.Kurz vor Horsens, in einiger Entfernung, eine Frau, die mir mit Kinderwagen entgegen joggt. Ich denke mir nichts dabei, sieht man ja schließlich ständig.
Ein kurzer Blick in den Kinderwagen – Fragezeichen 🤔 Statt einem friedlich schlafendem Kind, liegt nur ein großer Teddy darin. Die nächste viertel Stunde versuche ich meine Verwunderung zu sortieren.
 Aber nachdem ich einige Zeit später in Aarhus ein Kind mit grün gefärbtem Punk im Kinderwagen sitzen sehe, wundert mich gar nichts mehr. Mein Bild von Dänemark, wo alle Kinder klein, unschuldig und blond sind, beginnt sich gerade ein wenig zu wandeln. Oder waren das eher die Schweden? 🙈
In Aarhus nun der vorhergesagte Regen – eine Stunde zu früh, dafür weniger schlimm als erwartet.
Also weiter geht’s.
Mein Ziel ist heute eigentlich ein Shelter bei Rønde. Da ich morgen zeitig Richtung Fähre starten will, möchte ich ungern erst ein Zelt abbauen müssen.
Ein Blick in Richtung Westen lässt erahnen, was heute noch an Regen vom Himmel kommt.Es dauert weniger lang als angenommen, bis es wieder nass wird.
Ein Campingplatz direkt auf meiner Route rettet mich. Einerseits Glück gehabt, andererseits ein wenig ärgerlich, da ich es gern bis zum Shelter geschafft hätte.
Der Campingplatz wirkt einfach und klein, das kommt mir nach den letzten Erfahrungen sehr gelegen. Hier sprechen sie dann auch tatsächlich mal nur englisch oder dänisch.
Anscheinend ist mein Englisch gar nicht so schlecht, denn am Ende habe ich tatsächlich einen Platz, eine Duschmarke und einen Code fürs WLAN. Über den Preis reden wir hier mal nicht. Der bisher teuerste Platz der ganzen Reise. Aber für einen Pool, der bei 17 Grad und Regen mehr als einladend ist, zahlt man das natürlich gern.
In Dänemark ist eben alles teurer, aber das ist okay. Schließlich ist man ja im Urlaub.
Für mich geht’s dann aber doch eher unter die Dusche als in den Pool.
Auch hier gibt zwar wieder eine Möglichkeit zum Kochen, aber für Radreisende keinerlei Sitzgelegenheit. Als ich mich ganz am Rand der Terrasse zum Essen hinsetze, werde ich vertrieben.
Hier zeigt sich mal wieder, dass die teuersten Plätze oftmals die Schlechtesten sind.
Für morgen habe ich noch circa 60-70 Kilometer bis Grenaa zu bewältigen, bevor 13:35 Uhr die Fähre Richtung Schweden ablegt.
Vorfreude macht sich breit, denn dieses Land fasziniert mich einfach nochmal mehr als Dänemark.
Insgeheim hoffe ich, dass ich dann auch endlich etwas ruhiger werde und diese ständige oberflächlich keimende Anspannung ablegen kann.
Den Tag beende ich mit einem kleinen Strandspaziergang… Leider wieder recht gedankenverloren ..
Tag 7: Rønde nach Grenaa
63,1 km

Am Abend treffen noch zwei andere Bikepacker am Campingplatz ein. Trotz, dass sie dick beladen sind und mit Sicherheit ein Zelt dabei haben, mieten sie sich in eine Hütte ein.
Was für Weicheier..
Als jedoch 2 Stunden später ein Gewitter über uns hereinbricht, würde ich dann doch gern tauschen.
Wussten die zwei Herren mehr als ich?
Und auch ich weiß jetzt, dass ein Gewitter im Zelt einen ganz niedrigen Spaßfaktor hat.

Am nächsten Morgen schaffe ich es tatsächlich gegen 6:30 Uhr den Platz zu verlassen. Lieber warte ich ein wenig auf die Fähre, als am Ende in Zeitnot zu geraten.

Der Morgen ist frisch. Wiedermal starte ich mit warmer Jacke. Aber immerhin die Sonne begleitet mich auf den ersten Kilometern.
In Ebeltoft decke ich mich dann schnell fürs Frühstück ein und finde sogar einen Bäcker.
Pünktlich bei einer Picknickbank ziehen aber wieder Wolken auf.

Einsam radel ich durch kleine Dörfer weiter in Richtung Grenaa. Man begegnet niemandem, außer hin und wieder mal einem Hasen der meint, mit mir mithalten zu können.
Schnell gibt er wieder auf.

Die 60 Kilometer bis Grenaa verfliegen und ehe ich mich versehe, bin ich auch schon im Hafen.
2,5h Stunden zu früh.
Die Frau an der Pforte weist mich ein und erklärt kurz den Ablauf. Viel falsch machen kann man wohl nicht.
Ich überbrücke die Zeit im Warteraum, zusammen mit 10 pubertierenden Mädels, die kurz vorher bei MC Donalds eingefallen sind. Was für eine Erleichterung, als endlich die Fähre einläuft.

Zusammen mit 2 Bikepackern aus Norwegen, versuchen wir die Anordnungen des Einweisers zu verstehen. Vielleicht sollten sie das nächste Mal die Radfahrer nicht zusammen mit den Motorrädern aufs Schiff lassen.
Zu Dritt schaffen wir es dann doch, unsere Räder sicher am Geländer zu befestigen. Nach einem kurzen Wortwechsel erkennen sie gleich, dass ich aus Deutschland komme.
Wahrscheinlich liegts am Rossmann – Beutel 😉

Eigentlich war mein Plan, Tacho und Handy an Bord zu laden um dann heute Abend ohne Campingplatz auszukommen. Allerdings sind Steckdosen bei StenaLine Mangelware.
Nach längerer Suche finde ich dann doch noch eine.
Und vielleicht sind 4,5h in der Pet-Area ja auch ganz schön 🥴

Die Zeit auf dem Schiff nutze ich, um die letzten 6 Tage Revue passieren zu lassen.
Ich glaube, so richtig realisiert hab ich es noch nicht, dass ich in 4,5h in Schweden von Bord gehen werde. Sollte etwas Unvorhergesehenes sein, wird es ab jetzt schon schwieriger. Die Besiedelung wird ab Göteborg deutlich dünner und in schwedischen Zügen darf man meist keine Fahrräder mitnehmen. Ein vorzeitiger Abbruch der Reise wäre also mit einigen Problemen behaftet.
Aber solche Gedanken verdränge ich ganz schnell wieder.

Um 18:10 Uhr werden wir in Halmstad anlegen. Schauen wir mal, ob schwedische Reedereien pünktlicher sind als die Deutsche Bahn. Bis 20 Uhr sollte es auch trocken bleiben, also werde ich so lange weiterfahren, bis ich einen geeigneten Schlafplatz finde. So zumindest der Plan.

Fazit Dänemark:

Für Radreisende ist das Land ein Traum. Die Fahrradwege und Beschilderung könnte kaum besser sein. Nur ganz selten führen die Routen über etwas unwegsameres Gelände, aber auch das ist mit Gepäck gut machbar, sind diese Abschnitte doch meist recht kurz.
Wenn man vorher ein wenig schaut, findet man auch immer einen Campingplatz oder einen der vielen Shelter. Bei Letzterem sollte man allerdings wissen, wo sie sind. Ganz selten kommt man zufällig an einem vorbei, was ein wenig schade ist.
Was mich allerdings immer noch wundert, sind die wenigen Bikepacker, die unterwegs sind.
Aber vielleicht schreckt der Regen dann doch den Ein oder Anderen dieses Jahr ab.
Doch so ist das Wetter eben. Typisch dänisch würde ich sagen:

Und wie hat meine Tochter vor Abreise zu mir gesagt?
„Mama, du bist doch nicht aus Zucker… “
Wie Recht sie damit doch hat. Denn mit manchen Dinge muss man einfach zurecht kommen und kann sie nicht ändern … So sehr man sich das auch wünscht ..

Schreibe einen Kommentar