Selbstreflexion ist ein besonderes Kunststück.
Man muss, wie in der Muppet Show,
auf der Bühne stehen und singen und
zugleich am Balkon sitzen und sich selbst dabei zusehen.
– Ruth Seliger –

Hat tatsächlich jemand geglaubt, das Wetter wäre in Schweden besser? Pünktlich als wir von Board gehen (müssen), beginnt es wolkenbruchartig zu regnen. Der Nachteil ist, man kann nicht warten, bis es vorbei ist. Sonst geht’s wieder zurück nach Grenaa. Also Augen zu und durch. Da das Regenradar mindestens 3 Stunden Dauerregen anzeigt, bin ich tatsächlich das erste Mal Weichei und fahre ins Hotel. Doch auch 6 Kilometer reichen aus um komplett durchnässt zu sein. Oh man, so hab ich mir das alles nicht vorgestellt.
Apropos Hotel. Da es schnell gehen musste, hab ich das Erstbeste gebucht. Kurz darauf dann die Bestätigungs- und eine Infomail: „Da wir ein nachhaltiges Konzept verfolgen, wird die Bettwäsche nur einmal in 7 Tagen gewechselt.“ Kurz glaube ich an einen Scherz. Beim Lesen der Bewertungen ist aber schnell klar, die meinen DAS ernst. An einigen Türen sollen wohl auch kleine Herzen kleben, woraus ein Gast auf ein Stundenhotel schließt. Puh, das ist dann selbst mir to much.
Zum Glück ist gleich in der Nähe noch ein anderes Hotel. Sicherheitshalber lese ich vorher schnell ein paar Bewertungen. Durchweg positiv, da sollte nichts schief gehen. Ein kurzer und unkomplizierter Check-in und netterweise findet die Rezeptionistin sogar noch einen Platz für mein Rad im Gepäckraum. Ich bekomme ein Zimmer im 11. Stock und habe den besten Ausblick auf die vielen tollen Supermärkte, in denen ich dieses Jahr nicht shoppen darf.
Das Zimmer ist zwar gar nicht so klein, dennoch reicht der Platz zum Trocknen aller Sachen nicht aus.


Tag 8: Halmstad – Träslövsläge
85 km
Gesamt: 804,4 km
Ich beschließe, mir vom Supermarkt noch was zum Frühstück zu besorgen und das trockene Hotelzimmer noch ein wenig zu nutzen. Vor 9 Uhr, ich korrigiere 10 Uhr, brauche ich eh nicht starten. Sowieso wird es heute wieder ein einziges von Unterschlupf zu Unterschlupf fahren. Angeblich soll es am Nachmittag trockener werden. Ich hoffe es, dann fahre ich einfach abends länger. Sicherheitshalber kaufe ich mir noch ein paar Tüten. Zwei für die Sachen, zwei für die Füße. Zum Glück habe ich noch einige Survivaltipps von erfahrenen Skitourengeher im Kopf und so werden die Füße in den Schuhen wenigstens nicht ganz so nass. In solchen Momenten wie heute kostet es schon viel gutes Zureden, nicht aufzugeben, was alleine nicht immer so einfach ist. Eigentlich will ich doch nur Radfahren.
Kurz nach 9 wage ich es und versuche mein Glück. Immerhin schaffe ich 15 Kilometer, bis mich das Regenband eingeholt hat.

Ich fahre auf einen Bauernhof und frage den Besitzer, ob ich mich bei ihm unterstellen kann. Bereitwillig stimmt er zu. Über 1 Stunde sitze ich den Regen in meinem Unterstand aus.
Als es etwas trockener wird, versuche ich wieder ein paar Kilometer weiter zu kommen. Lang dauert es nicht, bis der Regen erneut zu stark wird. Während ich in einer weiteren Bushaltestelle das Schlimmste abwarte, treffe ich die 2 norwegischen Jungs von der Fähre wieder. Mal sehen, wie oft sich unsere Wege noch kreuzen werden. Platz ist bei mir leider keiner mehr, deshalb müssen sie weiter. Ein paar Kilometer später, auf der rechten Seite, eine kleine überdachte und schön bemalte Bühne mit Sitzplätzen davor. Es ist schon irgendwie immer etwas zum Unterstellen in der Nähe, wenn es anfängt. Zum Glück. Ich hätte ja sogar was gesungen, aber leider waren keine Zuschauer da. Also warte ich, wieder einmal, ab.

Einigermaßen trocken komme ich die nächste Stunde voran und erreiche Falkenberg. Ein kurzer Stopp im Supermarkt. Mittlerweile ist es früher Nachmittag und laut Wetterbericht sollte jetzt die Sonne scheinen. Im Grunde genommen tut sie das auch – hinter den Regenwolken. Mir wird es jetzt langsam zu blöd, ich kann nicht immer abwarten bis es aufhört. Zum Einen komme ich nicht voran und zum Anderen kühle ich jedes Mal aus. Also fahre ich nun weiter. Spaß macht es keinen aber immerhin die Regenhose vom Decathlon hält was sie verspricht. Irgendwann erreiche ich den Punkt, wo es mir tatsächlich egal ist, dass ich nass werde und bin.
Zwei Bikepacker kommen mir entgegen und im strömenden Regen zeigt er mir eine anerkennende Faust. Leicht haben wir es im Moment wohl alle nicht. Seitdem ich in Halmstad losgefahren bin, begegnen mir nun endlich auch viele Radreisende. Vor allem bei dem Wetter baut das ein wenig auf, so teilen wir doch irgendwie alle dasselbe Schicksal. Da die Wetterapp für den nächsten Morgen natürlich wieder Regen zeigt, buche ich mich nochmal in ein kleines Zimmer in einem Ferienhaus ein, auch wenn es sich nicht richtig anfühlt und mich das schlechte Gewissen ein wenig plagt, wollte ich doch eigentlich ausschließlich zelten.
In einem wunderschönen, kleinen grünen Schwedenhaus bekomme ich ein noch schöneres Zimmer zugewiesen. Klein, gemütlich… Hier fühlt man sich wohl. Es gibt ein tolles Gemeinschaftsbad und auch die große Küche kann von allen genutzt werden. Bettwäsche muss man selbst überziehen, aber dann weiß man wenigstens, dass sie frisch gewaschen ist.

Da sich am Abend die Sonne doch nochmal zeigt, genieße ich bei einem Eis wenigstens noch ein paar Minuten die Sonnenstrahlen.
Ich muss zugeben, dass ich heute tatsächlich kurz an meine Grenzen gekommen bin. Ständig nass, ständig kalt.. das zerrt irgendwann an den Nerven. Und auch wenn ich heute kurz mit dem Gedanken gespielt hab – aufgeben ist keine Option. Das ist mein Weg, meine Reise, mein Ziel… Komme was wolle.

~Erinnerungen – die eine Sache, die uns niemals jemand wegnehmen kann.~
*Catherine Pulsifer