102, 4 km
Gesamt: 906,8 km
Am gestrigen Abend gestellten sich noch einige weitere Bikepacker in das kleine Schwedenhaus. Als ich die Küche für einen Kaffee nutze, werde ich auf mein Challenge Roth Armband angesprochen. Gemeinsam philosophieren wir am späteren Abend noch über den Sport, das Laufen und die Leidenschaft hierfür. Und trotz meiner sprachlichen Bedenken versteht er mich und ich ihn.
Am nächsten Morgen breche ich kurz vor 7 Uhr auf um dem Regen davon zu fahren. Vorausschauend mit Regenhose und eingetüteten Füßen.
In Varberg halte ich kurz am Supermarkt, bevor es zügig Richtung Norden weitergeht. Für mich ist dieses Jahr jeder Supermarktbesuch eine Strafe. All die leckeren Sachen muss ich im Regal lassen, dabei würde ich so gern einen Vorrat für die Zeit in Deutschland mitnehmen. Die nächsten 20 Kilometer sind einfach nur trist. Der Radweg führt neben der Bahnlinie entlang und überhaupt hat man eher das Gefühl, man fährt durch eine von Industrie geprägte Gegend.
Erst kurz vor Stråvalla wird es wieder schöner und hier mache ich dann auch meine Frühstückspause. Diese nutze ich, um mir eine Unterkunft für die Nacht zu suchen. Gefühlt sind alle Schweden noch im Urlaub, bei Warmshowers kommt eine Absage nach der Anderen.
Am Ende habe ich doch noch Glück und darf mich bei Matthew in Göteborg einquartieren. Er ist bis 17 Uhr in der Arbeit, aber ich solle dort einfach vorbei kommen und mir den Wohnungsschlüssel abholen.
Ich fühle mich wieder sofort Willkommen.
Es dauert nicht lange, dann spricht mich ein Spaziergänger an. Wo ich herkomme und hin möchte, fragt er mich. Er selbst ist aus den Niederlanden und steht mit seinem Wohnmobil auf dem Campingplatz. Anscheinend zieht man als alleinreisende Frau auf dem Rad doch ein wenig das Interesse auf sich.
Danach geht es für mich auch schon weiter.
Auf dem Fahrrad hat man ja bekanntlich die besten Einfälle und so kommt mir die Idee, einfach ein Paket mit all den Leckereien nach Deutschland zu schicken. Somit könnte ich mir doch ein wenig Schweden mit nach Bayern nehmen. Früher nannte man sowas glaube Westpaket.
Kurz nach Åsa treffe ich dann auf ein Bikepacker-Pärchen, die gerade eine kurze Pause am Straßenrand machen. Da fällt mir ein, dass ich schon lang die Luft im hinteren Reifen aufpumpen wollte, mit meiner kleinen Pumpe aber nicht so viel Druck ins Rad bekomme, wie ich das gern möchte. Kurzerhand drehe ich um und frage, ob sie mir helfen können. Während er meine Reifen aufpumpt fragt sie mich, woher ich denn komme. „I started in Hamburg.“
„Oh du bist auch aus Deutschland“, lacht sie, und schon ist das Eis gebrochen. Ein kurzer Plausch, in der ich erfahre, dass sie ebenfalls Lehrerin ist und an der Mosel lebt – dann ziehen wir weiter.
Nach 10 Kilometer begehen wir uns erneut und beschließen, unseren Weg nach Göteborg eine Zeit lang gemeinsam fortzusetzen. Nach einer Woche allein auf dem Rad genieße ich diese willkommene Abwechslung. Die beiden kommen von Malmö und wollen in Göteborg die Fähre nach Dänemark nehmen. Er arbeitet in der Pizzaabteilung von Dr. Oetker und erzählt ein wenig von unrunden Salamischeiben und Pizzen, die nicht der Norm entsprechen.
Sofort hab ich Hunger. Nach einer Stunde trennen sich dann unsere Wege.
Ich habe noch 20 Kilometer bis Göteborg. Das reicht, um am Nachmittag ein wenig die Stadt zu erkunden. Aber vorher fahre ich zu Matthew an die Uni und lasse mich einweisen.
Am Ende habe ich eine Wegbeschreibung und einen Haustürschlüssel in der Tasche und stelle wieder einmal fest, dass mein Englisch vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie immer gedacht.
Kurz bevor ich zu seiner Wohnung aufbreche, drückt er mir noch eine Karte in die Hand, mit der ich alle Museen kostenlos besuchen kann. Erneut bin ich sprachlos.
2 Kilometer geht’s nun noch durch die Stadt und dann stehe ich auch schon vor der Haustür. Für die Nacht bekomme ich das Zimmer seiner Tochter Alica 🙂 Das Gravelbike mitten im Wohnzimmer lässt mich hier noch wohler fühlen.
Heute habe ich es tatsächlich geschafft, trocken an meinem Ziel zu kommen. Vielleicht sollte ich einfach am Morgen immer in kompletter Regenmontur starten.
Morgen geht es für mich weg von der Küste, durchs Landesinnere bis südlich von Stockholm. Mit Campingplätzen wird es dann schon schwieriger, was ein etwas mulmiges Gefühl mit sich bringt. Doch da ich den Sverigeleden folge, hoffe ich einfach, dass dennoch immer wieder Übernachtungsmöglichkeiten kommen, die in der App nicht eingezeichnet sind.
Etwas später beim Einkaufen bekomme ich wieder deutlich zu spüren, dass ich mich an manche Sachen hier einfach noch gewöhnen muss.
Ich nehme grundsätzlich nie einen Kassenzettel mit und als ich auch diesmal im Supermarkt wieder abwinke, zeigt der Kassierer in Richtung Mülleimer. Okay, selbst wegschmeißen ist kein Thema und so landet er in der Tonne.
Drei Schritte weiter stehe ich vor einer verschlossenen Ausgangstür. Erst da wird mir bewusst, er hat nicht den Mülleimer gemeint sondern den Kassenzettelscanner an der Ausgangstür. Ohne Kassenzettel kein Herauskommen. Netterweise hilft er mir aus meiner Misere und mir bleibt der Griff in die Mülltonne erspart.
Am Nachmittag schaue ich mich ein wenig in der Stadt um. Am Ende lande ich in der Hafeneinfahrt. Zwei Stunden sitze ich einfach nur da und beobachte die ein- und auslaufenden Schiffe.
Zurück bei Matthew ist mittlerweile sein Besuch eingetroffen. Zu Viert werden wir den Tag ausklingen lassen und ich bin gespannt, wie so ein deutsch-amerikanisch-schwedisch/schweizer Abend aussehen wird.

