Tag 19: Vargada – HĂ€stevik đŸŒ§ïž

Vorstellung vs. RealitÀt

93,7 km / 665 HM
Gesamt 1654,78 km

Die Wunschliste fĂŒr den letzten kompletten Tag:

– Sonne
– morgens min. 10 Grad, nachmittags 20 Grad
– kein Wind
– eine wunderschöne Strecke

Eigentlich ĂŒberschaubar.
Oder hab ich nach 3 Wochen Schweden verlernt, was „bescheiden“ bedeutet?

Die Laufrunde am Morgen macht zumindest Hoffnung, dass sich, der fĂŒr 14 Uhr, prognostizierte Regen vielleicht doch nicht bewahrheitet. Von dem angekĂŒndigten Nebel in den frĂŒhen Morgenstunden ist jedenfalls nichts zu sehen. DafĂŒr stimmt wenigstens die Temperaturangabe: 4 Grad.

Heute keine Experimente, die Daunenjacke kommt sofort zum Einsatz.

90 Kilometer sind es bis zum heutigen Tagesziel in HĂ€stevik.
Beim Blick in den Himmel mache ich mir wenig Hoffnung auf Sonne. Nicht mal bis zur FrĂŒhstĂŒckspause.
Leider bleibt es ohne die wÀrmenden Sonnenstrahlen auch deutlich lÀnger so kalt.

Die ersten 7-8 Kilometer sind noch ertrĂ€glich, dann wird’s schon zĂ€h. Die Strecke leider auch wenig anstrengend – viele Geraden oder leicht bergab.

20 Kilometer bis AlingsÄs.
Kalt. Einfach nur kalt !!
Als ich dort ankomme, sind meine HĂ€nde inzwischen eiskalt, die Zehen schon kaum noch spĂŒrbar.

Da kommt mir eine rote Ampel gerade recht.
Um wieder ein wenig WĂ€rme in die Zehen zu bringen, trete ich auf der Stelle.
Gekonnt ist jedoch leider anders.

Aber fĂŒr die wartenden Autos war es mit Sicherheit eine willkommene Abwechslung.
Radfahrer, die im Stand einfach umfallen, sieht man ja vermutlich nicht alle Tage.

Also aufstehen, Krone richten und so tun, als wÀre nichts gewesen.

Die Krone richte ich mir dann allerdings doch lieber in der warmen Tankstelle gegenĂŒber, bei einem Cappuccino und mit etwas Abstand zu meiner kleinen Einlage an der Kreuzung.
WĂ€hrenddessen ein Blick in die Wetter-App.
Der Regen hat seine Ankunft nun von 14 auf 12 Uhr vorverlegt.
Damit wird aus der entspannten vorletzten Etappe langsam eine Etappe mit Zeitdruck.

Also lieber weiter.
Der Kaffee ist ausgetrunken, die FĂŒĂŸe wieder halbwegs funktionstĂŒchtig und die WĂŒrde zumindest soweit wiederhergestellt, dass ich mich erneut aufs Fahrrad setzen kann.

Kurz nach Alingsas zeigt sich sogar mal kurz die Sonne.
Eine FrĂŒhstĂŒcksbank jedoch nicht.
Die dunklen Wolken in der Ferne lassen erahnen, dass die Vorhersage heute wohl stimmt.

Kurz vor Floda werde ich dann fĂŒndig. Zwar keine Sonne und alles nass, aber besser wird’s nicht.
Auch beim FrĂŒhstĂŒck, dass ich sonst immer sehr ausdehne und genieße, schwingt Hast und Eile mit. Ein paar Tropfen unterstĂŒtzen das Ganze zusĂ€tzlich.
Also: So lange wie nötig, so kurz wie möglich.

Ab Lerum ist nun auch der einigermaßen schöne Teil der Strecke vorbei. Die Vororte von Göteborg reihen sich nun fast nahtlos aneinander. Viel Verkehr, HĂ€user und Straßen statt Wald und Seen.

Einige Kilometer weiter sehe ich dann auch schon den Regen vor mir. Die dunkle Wand kommt langsam nĂ€her und macht ziemlich deutlich, dass sich meine Eile beim FrĂŒhstĂŒck vermutlich doch gelohnt hat.

Jetzt heißt es nur noch hoffen, dass ich schneller bin als er.
Diese Hoffnung wird sich allerdings nicht erfĂŒllen. Die Wolken ziehen mir nĂ€mlich entgegen.
Seit etwa einer halben Stunde inspiziere ich deshalb schon vorsorglich die Bushaltestellen am Straßenrand. Das System ist simpel: regelmĂ€ĂŸig eine finden, im Idealfall frei, und sich dort rechtzeitig regenfest machen.

Dann fallen die ersten Tropfen.

Bushaltestelle 1: besetzt.
Bushaltestelle 2: besetzt.
Bushaltestelle 3: frei. Aber keine Tropfen mehr.

Gerade noch einmal GlĂŒck gehabt.

Zumindest ist die Strecke bis Göteborg nahezu flach, sodass ich gut vorankomme. Immer den dunklen Wolken entgegen. Ein etwas eigenwilliges Wettrennen, bei dem ich ziemlich genau weiß, wie es ausgehen wird.

Mit Partille passiere ich den letzten Vorort und erreiche Göteborg. Ab hier kenne ich mich aus, dieser Abschnitt war schon einmal Teil einer Laufstrecke.

Über die Hisingsbron geht es nun auf die andere Seite. Angesichts des kleinen Wettrennens mit den dunklen Wolken erspare ich mir heute den sportlichen Ehrgeiz beim Höhenunterschied und nehme fĂŒr den Weg nach oben den Fahrstuhl.

Oben angekommen, schnell noch ein Foto. In der Ferne ist bereits meine FĂ€hre fĂŒr morgen zu sehen. Ein etwas eigenartiger Moment, wenn das Ziel der Reise plötzlich so sichtbar vor einem liegt.

Nach unten auf der anderen Seite schaffe ich es dann wieder aus eigener Kraft.

Noch 17 Kilometer. Knapp eine Stunde.

Und tatsÀchlich: Noch ist es trocken.
Vielleicht schaffe ich es ja doch?

Falscher Gedanke, im falschen Moment – die ersten Tropfen fallen.

Den Eingangsbereich einer grĂ¶ĂŸeren Firma nutze ich kurzerhand, um die griffbereit liegende Regenkleidung nun doch noch anzuziehen. Und dann geht es auch schon richtig los.

Es ist mittlerweile mein viertes Mal in Göteborg. Zum vierten Mal ist es der letzte beziehungsweise vorletzte Tag meiner Radreise. Und zum vierten Mal regnet es.

Zum V I E R T E N Mal !

Offenbar gibt es Dinge, die sich auf meinen Radreisen zuverlĂ€ssig wiederholen. Das Ende in Göteborg gehört definitiv dazu. Man könnte fast meinen, ich hĂ€tte diese Tradition irgendwann versehentlich eingefĂŒhrt und das schwedische Wetter hĂ€lt sich seitdem konsequent daran.
Immerhin: Auf die letzten Kilometer ist Verlass. Sie sind nass. Jedes Jahr.

Bis HÀstevik gibt der Wettergott alles. Es regnet in strömen.
Mein geplanter sonniger Nachmittag, am Meer sitzend, ist vermutlich hinfÀllig. Da hÀtte ich die Nacht auch bei Matthew in der Stadt verbringen können.

In HÀstevik angekommen, wird es dann tatsÀchlich ein wenig heller. WÀhrend ich meine nassen Sachen zum Trocknen aufhÀnge, mich umziehe und den gröbsten Dreck vom Fahrrad und von mir entferne, passiert etwas, womit ich heute kaum noch gerechnet habe: Der Regen hört auf.
Nicht nur fĂŒr fĂŒnf Minuten. Laut Wetterradar habe ich bis 18 Uhr ein trockenes Fenster.
Also genau das Zeitfenster, das ich brauche.

Der geplante Nachmittag am Meer ist damit Gott sei Dank nicht komplett gestrichen.
Vielleicht muss man seine Vorstellungen manchmal nur etwas kleiner machen.
Aus Sonne wird helles Grau.
Aus einem langen Nachmittag ein begrenzter Zeitraum und aus dem perfekten letzten Tag einfach ein schöner letzter Abend.

Und der einsame Regenschirm aus der Bushaltestelle bei Lerum? Mitgenommen und am Ende nicht ein einziges Mal gebraucht.
Aber mit der norwegischen Wandermarkierung, einer fĂŒr mich wertvollen Thermosflasche und nun einem schwedischen Regenschirm, ist zumindest auch die Souvenierliste komplett.

Fazit Wunschliste:

– Sonne ❌
– morgens min. 10 Grad, nachmittags 20 Grad ❌
– kein Wind ✅
– eine wunderschöne Strecke ❌

Schreibe einen Kommentar