MountainMan Großarltal | 50 km · 2.900 HM
Chamonix Ersatz
Eigentlich wäre dieses Wochenende Chamonix dran gewesen. Stattdessen sind wir 10 Tage in der Nähe von Großarl.
50 Kilometer und 2.900 Höhenmeter beim MountainMan als Ersatzplan.

Die Vorbereitung dafür war, sagen wir, überschaubar: Drei Wochen fast ausschließlich Radfahren, wenig Laufen und ein einziger Berglauf mit 9 Kilometern und 400 Höhenmetern Anfang der Woche. Das muss als Bergtraining reichen. Hat in den vergangenen Jahren schließlich auch funktioniert.

Der Regen der Nacht hört zum Glück pünktlich zum Start auf. Die Ausrüstung für das kalte Wetter müssen wir trotzdem dabei haben. Da zählt auch der versprochene Sonnenschein im Laufe des Tages nichts.
Der Startschuss, in Form einer überdimensionalen Kuhglocke, fällt pünktlich 7 Uhr.

Für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, ist der Startkanal hier geteilt – links Männer, rechts Frauen.

Es folgt ein Kilometer zum Warmlaufen, dann geht es direkt in den ersten langen Anstieg: über 1.100 Höhenmeter am Stück nach oben.
Nach 7 Kilometern ist der erste höchste Punkt erreicht und ich wechsel mich in der Führung immer wieder mit einer Läuferin aus München ab.
Dann geht es auch schon in den ersten Downhill, der zum Glück nicht ewig lang ist. Da es jedoch meine persönliche Problemzone ist, zieht sie an mir vorbei und ist erstmal außer Sichtweite. Ich kann es einfach nicht. Und ich lerne es vermutlich auch nicht mehr. Während andere bergab den Schalter auf Vollgas umlegen, überlege ich viel zu vorsichtig jeden Schritt.

Dieses ständige Auf und Ab setzt sich auf der gesamten Strecke fort, immer auf den Höhenzügen der Berge entlang. Dafür bekomme ich auf den schmalen Trails reichlich Gelegenheit, meine persönliche Komfortzone zu verlassen. Rechts und links geht es teilweise ordentlich hinunter, dazwischen Wurzeln, Steine, Matsch, der Weg nicht breiter als ein halber Meter..Jeder Schritt muss sitzen.
Vor solchen Trails habe ich einen Heidenrespekt. Dazu immer wieder Kühe. Natürlich stehen die nicht irgendwo gemütlich auf der Wiese, sondern genau dort, wo der Weg ohnehin schon kaum breiter als ein Fuß ist. Auf die Idee, zur Seite zu gehen, kommen sie selbstverständlich nicht und man muss sich am Hang an ihnen vorbei kämpfen.
Sie machen zum Glück nichts.
Bei der „Kuh“ mit den Hörnern und ohne Euter, zwei Kilometer später, bin ich mir allerdings nicht mehr ganz so sicher.
Vor mir zum Glück ein Mann, den ich ab km 25 bis zum Ziel immer an meiner Seite haben werde. Ich schaue es mir bei ihm erstmal an, wie er das Problem löst.
Unter dem ernsten Blick des Tieres darf er vorbei.
Ich nun hoffentlich auch.
Es funktioniert.
Eine Stunde lang belohnt mich die Strecke dafür mit einer grandiosen Aussicht über das Großarltal und seine Bergwelt.

Dann zieht es zu. In der Ferne hängen dunkle Regenwolken über den Bergen.
Gestern habe ich die Erweiterung der Pflichtausrüstung um das Cold-Weather-Kit noch belächelt. Jetzt bin ich froh, dass ich es dabei habe. Frieren muss ich zwar noch nicht, aber die ersten Tropfen kündigen sich an und die Sicht wird zunehmend schlechter.

Der Regen der Nacht hat den Untergrund leider auch in eine einzige Schlammlandschaft verwandelt. Die Wiesen stehen teilweise zentimetertief unter Wasser. Tritte auf Wurzeln und Steine sollte man konsequent meiden. Der Blick geht nur noch nach unten. Jeder Schritt will sitzen.
Vollste Konzentration.

Und genau hier beginnt sich das Rennen zu meinen Gunsten zu entwickeln. Die vielen Anstiege und angenehm technischen Passagen kommen mir entgegen. Kurz nach Messpunkt 1, den die Münchner Läuferin noch 19 Sekunden vor mir passiert, kann ich wieder vorbeiziehen und mich nun relativ schnell distanzieren. An der zweiten Zeitmessung bin ich ihr bereits sieben Minuten voraus.

Bei Kilometer 18 passiert dann das, was ich bis ins Ziel unbedingt vermeiden wollte:
Ein Wasserloch.
Linker Fuß mitten rein.
Bis dahin hatte ich tatsächlich noch trockene Füße. Ein erstaunlich lange aufrechterhaltener Zustand, wenn man bedenkt, was die Strecke inzwischen hergibt. Nun ist auch dieses Kapitel beendet.
Dafür hat der Veranstalter eine ausgesprochen angenehme Form der Versorgung gewählt: Die Verpflegungsstellen liegen ausnahmslos auf Almen. Und als wäre das nicht schon ausreichend österreichische Idylle, gibt es sogar Kaiserschmarrn. Bei zehn Grad und im Rennmodus bekommen die VPs von mir allerdings wieder nur einen kurzen Blick aus dem Augenwinkel. Für Kaiserschmarrn habe ich heute leider keine Zeit.

Die ersten 12 bis 15 Kilometer waren mental zäh. Jetzt bin ich drin und es macht einfach nur Spaß. Diese Trails, die Landschaft, der ständige Wechsel. Auf manchen Abschnitten kommt man richtig in den Flow, auf anderen ist höchste Konzentration gefragt. Genau diese Mischung macht den Lauf für mich gerade so besonders.

Von nun an habe ich auch Andreas, einen Trailläufer vom Attersee, an meiner Seite. Wir reden, laufen, lachen und plötzlich sind wieder drei oder vier Kilometer fast unbemerkt vorbei.

An der vorletzten Alm, bei Kilometer 34, sitzen wieder Zuschauer und haben aufmunternde Worte und Anfeuerungen parat.
Ob wir Zeit für ein Interview hätten, werden wir gefragt.
„Wir haben schon fünf gegeben. Jetzt gibt’s keine mehr!“, rufe ich zurück.
Und weiter geht’s.
Überhaupt ist das komplette Organisationsteam, inklusive der Leute von der Bergrettung, die immer wieder am Streckenrand stehen, unglaublich freundlich und aufmerksam.
Was für ein toller Lauf.
Kilometer 45. Letzte Alm. Letzte Messstelle.
Wir werden aufgefordert zu lächeln. Zehn Meter weiter sitzt der Fotograf.
Gesagt, getan.
Dann beginnt der letzte, sieben Kilometer lange Downhill ins Tal.
Unterwegs hat mir eine Läuferin von der L-Strecke noch erzählt, der Downhill sei gar nicht schlimm. Forstweg.
Auch Andreas bestätigt das. Wenn auch etwas anders.
Bei ihm sind nur die letzten 2,5 Kilometer Forstweg beziehungsweise Asphalt.
Na prima.
Es folgt ein steiler, steiniger und verwurzelter Trail nach unten.
Ich entscheide mich für die klassische Strategie: Augen auf, Konzentration an und durch.
Trotzdem komme ich für meine Verhältnisse erstaunlich gut durch den Downhill, auch wenn mich die Oberschenkel spätestens nach diesen letzten Kilometern morgen daran erinnern werden, was sie heute leisten mussten.
Andreas bleibt hinter mir. Bei ihm geht es um nichts mehr, er möchte mir beim Zieleinlauf den Vortritt lassen.
Nach zwei Kilometern kommt meine erste Frage nach hinten:
„Wann kommt denn jetzt endlich der Forstweg?“
„Bald.“
Zehn Minuten später höre ich von hinten wieder nur, dass wir es bald geschafft haben und die Straße kommt.
Ein weiterer Kilometer vergeht.
Nichts.
„250 Meter noch.“
Ich erinnere Andreas daran, dass er mir das seit ungefähr fünfundzwanzig Minuten erzählt.
Seine Erklärung: Letztes Jahr sei es ihm kürzer vorgekommen.
Eine durchaus interessante Form der Streckenvermessung.
1,5 Kilometer vor dem Ziel ist es dann tatsächlich geschafft. Ende des Trails.
Es bleiben noch 800 weniger steile Meter bis Großarl. Und dann noch einmal 700 Meter flach bis ins Ziel.

Langsam wird mir klar, was hier gerade passiert.
Auf den letzten Metern vor dem Zielbogen ist es dann endgültig sicher:
Ich werde den Damensieg beim MountainMan holen.
Nicht vielleicht.
Nicht möglicherweise.
Tatsächlich.

Nach 6 Stunden und 41 Minuten stoppe ich die Uhr.
Der Sprecher aus dem benachbarten Freudenberg bestätigt die Platzierung.
Erster Platz !!


Irgendwann im Rennen hatte ich auf eine Top-3-Platzierung gehofft. Mehr war zunächst gar nicht greifbar. Dass am Ende tatsächlich der Sieg daraus wird, lediglich 7 Männer schneller waren und die Zweitplatzierte ganze 15 Minuten nach mir ins Ziel gekommen ist, braucht ein paar Minuten, um überhaupt im Kopf anzukommen.

Aber vielleicht liegt genau darin das Besondere an solchen Tagen.
Man plant. Man rechnet. Man versucht, den eigenen Körper und die Strecke in irgendeine vernünftige Prognose zu pressen. Und dann steht man irgendwann nach 50 Kilometern im Ziel und stellt fest, dass ein 9-Kilometer-Berglauf, drei Wochen Radfahren und eine ziemlich unvernünftige Portion Vertrauen offenbar doch eine brauchbare Wettkampfstrategie ergeben.
Überglücklich. Und vor allem unglaublich stolz.

Auf ein Rennen, das von Anfang bis Ende einfach aufgegangen ist. Auf die Beine, die nach drei Wochen Radfahren plötzlich wieder genau das gemacht haben, was sie sollten. Auf den Kopf, der nach den ersten schwierigen Kilometern wieder ins Rennen gefunden hat. Und auf diese 50 Kilometer durch das Großarltal, die mir heute einfach verdammt viel Freude gemacht haben.

Manchmal muss man gar nicht das Rennen laufen, das man geplant hatte, um genau das Rennen zu erleben, das man gebraucht hat.

Wow. Darauf kannst Du wirklich Mega-Stolz sein. Wir sind es auch.
Große Klasse und großes Kino.