Rena – Nybergsund
85,6 km / 630 HM
Gesamt 390,68 km
Ein neuer Tag beginnt. Grau und wolkenverhangen zwar, doch laut Regenradar ist der nächtliche Regen erst einmal durchgezogen. Am Nachmittag soll sich sogar die Sonne zeigen, mit ihr aber auch die Regenschauer. Ich lass mich überraschen.
Das Thermometer zeigt heute Morgen angenehme 12 Grad. Der wolkenverhangene Himmel hat also durchaus seine Vorteile.

Der gestrige Tag wirkt noch etwas nach. Deshalb habe ich die heutige Etappe nach Nybergsund angepasst. Der viele Regen hat die Fahrwege zusätzlich aufgeweicht. Heute gewinnt ausnahmsweise der Asphalt. Nach gestern darf er das aber auch. Wie befahren diese Straßen allerdings sind, bleibt abzuwarten.
Das Fahrrad ist mittlerweile schnell beladen, mit jedem weiteren Tag kommt mehr Routine in die Abläufe.
Und dann geht’s auch schon los.
Die ersten Kilometer verlaufen angenehm flach. Autos begegnen mir kaum und neben der Straße begleitet mich mit ihrem gleichmäßigen Rauschen die Rena.
Am Løpsjøen vorbei geht es weiter ostwärts Richtung Osen und Jordet. Und dort wartet auch der erste längere Anstieg des Tages.
Auf dem Wegweiser entdecke ich neben Ortsname und Kilometerzahl ein kleines Tier-Symbol. Hund? Wolf? Ganz eindeutig lässt es sich nicht erkennen.
Die Frage ist nur: Warum?
Nach all den Begegnungen mit Schafen und Kühen wäre ein Hinweis auf weitere tierische Gesellschaft eigentlich nicht völlig überraschend. Vielleicht ist es eine Einladung, die Augen offen zu halten? Vielleicht aber auch nur ein Symbol ohne größere Bedeutung.

Die Straßen sind zwar noch nass, aber bei so wenig Verkehr spielt das keine große Rolle. Dazu kommt der kräftige Wind aus Westen, der mich ordentlich unterstützt.
Eine gleichmäßige Steigung bis auf etwa 480 Meter.
Im Vergleich zu gestern schon fast ein Kinderspiel.
Was der richtige Untergrund doch für einen Unterschied macht.

Mit dem Frühstück im Gepäck halte ich Ausschau nach einem geeigneten Platz. Ich weiß aus den vergangenen Jahren allerdings, dass man an solchen Verbindungsstraßen nicht unbedingt aus einer Vielzahl gemütlicher Rastmöglichkeiten wählen kann. Weit und breit keine Häuser, kaum Autos und nur die Ruhe dieses Morgens begleiten mich.
36 Kilometer sind es bis Osen, dort habe ich vorhin auf der Karte am Løpsjön das Zeichen für einen Rastplatz gesehen. Auch der Himmel zeigt sich von seiner besseren Seite, hinter mir wird es sogar ein wenig heller. Nach links und rechts sollte man den Blick jedoch nicht schweifen lassen. Aber schon im Regenradar war zu sehen, dass ich zwischen den Regenwolken hindurch fahre.

Ich komme schneller voran, als ich dachte und kurz vor Osen taucht der versprochene Rastplatz dann auch bald auf. Während der Himmel hinter mir wieder etwas dunkler wird, sitze ich trocken, genieße mein Frühstück und freue mich über diesen kleinen Luxus mitten in der Weite Norwegens.

So richtige Ruhe kehrt beim Frühstück jedoch nicht ein, mir sitzen die Regenwolken im Nacken.
Ohne groß Zeit zu vertrödeln, fahre ich weiter.
Und zwar genau 2 Kilometer, bis mich eine dieser nassen Wolken erwischt. Zum Glück direkt vorm Supermarkt, so sitze ich die nassen Minuten im Trockenen aus.
So schnell wie die Wolke gekommen ist, ist sie dann auch wieder weg.
Also weiter in Richtung Nybergsund und auf in den zweiten Anstieg des Tages.
Der Wind hat weiter aufgefrischt.
Gut für mich, der Berg fährt sich fast von alleine und ehe ich mich versehe, bin ich auch schon oben. Und mit den letzten Höhenmetern zeigt sich nun auch die Sonne für kurze Momente.
Schon in den vergangenen Jahren bin ich unglaublich gerne über diese Hochflächen gefahren und nun weiß ich auch wieder, warum. Es sind die Landschaften, bei denen man nicht einfach nur weiterfährt, sondern automatisch langsamer wird. Im Hintergrund die Berge und der weite Blick ruft dieses schwer zu beschreibende Gefühl hervor, welches ich hier immer wieder habe.
Angekommen – allerspätestens jetzt.

Auf den 25 Kilometern zwischen Løpsjøen und Osen komme ich an keinem einzigen Haus vorbei. Nur Wald, Wasser und Straße. Menschen sehe ich ebenfalls keine. Nur ein paar Langlauf- und Anglerparkplätze tauchen in regelmäßigen Abständen auf.
Knapp zehn Kilometer vor Jordet zeigt sich dann doch wiedermal ein Haus. Genauer gesagr mehrere. Sogar mit eigenem Ortsnamen.
Neugierig beginne ich zu zählen.
Sieben.
Damit wäre meine Theorie, dass man sich einen Ortsnamen erst ab zehn Häusern verdient, auch widerlegt.
Moment…
Hinter den Bäumen versteckt sich noch eines.
Acht.
Naja, die Theorie geht trotzdem nicht auf.

Ab hier geht es nun flach bergab, eine Entschädigung für die Quälerei gestern.
Auch die Freude am Fahrrad fahren der ersten Tage und der letzten Jahre ist nun endgültig zurückgekehrt.

Ab Jordet führt mich meine Route weiter über eine Straße, aber die Autos bleiben auch hier absolut überschaubar.
Auf der linken Seite begleitet mich nun der Klärälven. An diesem Fluss war ich vor 2 Jahren schon unterwegs und er hat mich schon damals in seinen Bann gezogen.
Das Landschaftsbild könnte schöner nicht sein und ich genieße die 14 Kilometer bis Tyrsil.

Der Ort selbst ist vor allem als Wintersportort bekannt. Rund um das Trysilfjället warten im Winter zahlreiche Pisten und Lifte auf ihre Besucher. Auch wenn sich der Gipfel heute hartnäckig in den Wolken versteckt, lässt sich erahnen, wie beeindruckend die Kulisse bei gutem Wetter sein muss.

Spätestens hier weiß ich, dass es die richtige Entscheidung war, meine ursprüngliche Route über das Fjäll zu ändern.
Noch 7 Kilometer bis Nybergsund und eigentlich bin ich noch gar nicht bereit für das Ende der heutigen Etappe. So anstrengend, wie es gestern war, so erholsam war es heute. Der Akku ist wieder voll.


In Nybergsund angekommen, bestätigt ein Blick aufs Wetter meine Entscheidung, nicht doch noch weiterzufahren. Ein breites Regenband nähert sich. Schaut man nach oben, möchte man es kaum glauben. Doch inzwischen weiß ich, wie schnell das Wetter hier umschlagen kann.
Die Zeit nutze ich noch für einen Spaziergang zum Klarälven und auf die andere Flussseite. Von dort wirkt der Fluss noch einmal beeindruckender.

Inzwischen sieht man dem Himmel über Trysil seine Absichten deutlich an. Dunkle Wolken schieben sich immer näher. Höchste Zeit für den Rückweg.


Kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, holt mich das Regenband auch schon ein. So schnell hatte ich nun wirklich nicht damit gerechnet. Die letzten 500 Meter lege ich kurzerhand im Laufschritt zurück. In solchen Momenten zahlt sich das Lauftraining doch aus. Mit den ersten Regentropfen erreiche ich meine Unterkunft.
Punktlandung.
Dort wartet nun noch eine ganz besondere Entdeckung auf mich: die Toilette.
Direkt dahinter hängt eine ausführliche Anleitung, die man unbedingt beachten soll. Nun ist es allerdings so, dass ich Anleitungen grundsätzlich erst dann lese, wenn sich etwas nicht von selbst erschließt.
Also klappe ich den Toilettendeckel hoch und starre erst einmal ziemlich irritiert in die Schüssel.

Moment…
Das kann doch unmöglich das sein, wonach es aussieht.
Muss ich mein Häufchen hier tatsächlich wie ein Hundebesitzernach draußen zur Mülltonne bringen?
Zur Sicherheit lese ich die Anleitung dann doch.
Schritt 1: Ganz normal auf die Toilette gehen.
Schritt 2: Klodeckel schließen.
Schritt 3: Den Fußtaster an der Seite betätigen.
Schritt 4: Den grünen Knopf drücken.
Gut…
Und dann?
Die Auflösung folgt im letzten Satz: „Der Brennvorgang dauert ein bis zwei Stunden. Die Toilette kann währenddessen ganz normal benutzt werden.“
Es gibt eben nichts, was es nicht gibt.
Morgen geht es weiter bis Kläppen, ebenfalls wieder über ein Fjäll und Hochflächen. Vorfreude macht sich breit, da für morgen Sonne versprochen wird.

Damit gehen nun fünf Tage Norwegen zu Ende.
Morgen Abend werde ich bereits in Schweden sein.
Ich freue mich darauf, sehr sogar. Und trotzdem macht sich ein wenig Wehmut breit.
Norwegen war in den letzten Tagen nicht nur eine Kulisse am Wegesrand. Es waren die stillen Straßen, die langen Blicke über die Weite, die kleinen Begegnungen und diese Momente, in denen man einfach kurz stehen bleibt, weil die Landschaft mehr sagt als jeder Satz.
Fünf Tage sind eigentlich viel zu wenig für ein Land, das so groß ist und so viele verschiedene Gesichter zeigt. Aber vielleicht müssen es auch nicht immer Wochen sein, damit ein Ort einen Eindruck hinterlässt.
Manchmal reichen ein paar Tage, einige Kilometer und genügend offene Augen.
Norwegen hat mir wieder einmal gezeigt, warum ich so gerne unterwegs bin: Nicht, weil jeder Tag perfekt ist, sondern weil jeder Tag etwas Neues bereithält.
Und irgendwo zwischen Regenwolken, Rückenwind und endlosen Straßen ist dieses Land ein kleines Stück Reisegeschichte geworden.
