Tag 6: Nybergsund 🇳🇴 – Kläppen 🇸🇪

Nybergsund 🇳🇴 – Kläppen 🇸🇪

84,4 km / 976 HM
Gesamt 475,09 km

Laufschuhe an, Tür auf und schon habe ich die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht .

Naja, stimmt nicht ganz, die Sonne geht erst kurz vor 5 Uhr auf, es ist aber erst 4:30 Uhr, aber der Himmel ist bereits blau und verspricht einen Tag, wie man ihn sich nach den vergangenen Tagen kaum besser wünschen könnte. Endlich wieder Sonne.
Über die fünf Grad auf dem Thermometer werde ich mich für den Rest dieser Reise jedenfalls nicht mehr beschweren.

Eine letzte Laufrunde in Norwegen… Wehmut und Vorfreude sind mein heutiger Begleiter. Aber das dürfen sie auch sein.

Meine heutige Etappe, über das Sälenfjäll, starte ich so, wie es mir die ersten Tage gelehrt wurde – Handschuhe, Überschuhe und die Daunenjacke griffbereit.
Aber 200 Höhenmeter auf die ersten 3 Kilometer sorgen zum Glück schon gleich dafür, dass ich warm werde.

Oben angekommen hat sich die Sonne hinter den Bäumen bereits hervorgekämpft und wärmt zusätzlich, zumindest abschnittsweise.

Die Abfahrten sind dennoch grenzwertig. Trotz Handschuhen und warmer Kleidung kriecht die Kälte unaufhaltsam in die Finger und Füße. Aber ich weiß: Jede Minute, die vergeht, bringt mich den wärmeren Temperaturen ein Stück näher.

Autos begegnen mir hier widererwartend kaum. Diese morgendliche Ruhe macht den Start in den Tag umso schöner.
Auch die Zaungäste.

Der zweite Anstieg lässt nicht lange auf sich warten. Er ist ähnlich lang wie der erste und auch heute lassen sich die Höhenmeter überraschend gut fahren. Mit jedem Meter wächst die Vorfreude auf das Frühstück.

Am höchsten Punkt hoffe ich auf eine schöne Aussicht und die Möglichkeit , für die Pause. Andererseits weiß ich auch, dass ein längerer Stopp bei diesen Temperaturen ihren Preis hat. Ist der Körper erst einmal ausgekühlt, wird die anschließende Abfahrt schnell ungemütlich.

Je höher ich komme, desto schöner wird das Landschaftsbild. Der blaue Himmel, die weiten Flächen, der Blick in die Weite und überall am Straßenrand und auf den Wiesenflächen wachsen Weidenröschen. Das reinste Farbenspiel.

Kurz darauf hab ich den höchsten Punkt schon erreicht.
Was mich hier erwartet, muss man selbst gesehen haben. Fotos können hier gerade nicht mal annähernd diese atemberaubende Landschaft wiederspiegeln.

Das ist einer dieser Momente, an denen ich am liebsten gar nicht mehr weiterfahren möchte.

Und als hätte jemand meine Gedanken gehört, sehe ich im Blickwinkel eine weiße Sitzgruppe. Es ist zwar kalt aber die Sonne scheint und sollte ein wenig wärmen.

Ohne Daunenjacke geht es hier oben dann doch nicht. Aber genau dafür habe ich sie schließlich eingepackt. Zu glauben, sie würde die gesamte Reise ungenutzt in der Tasche bleiben wie im vergangenen Jahr, wäre ohnehin naiv gewesen.

Nach einer guten Stunde packe ich schweren Herzens zusammen. So schön es hier auch ist, der Weg fährt sich leider nicht von allein.

Nur wenige Kilometer und eine lange Abfahrt später überquere ich schon die Grenze. Damit lasse ich das Land mit der rot-blauen Fahne endgültig hinter mir.

Goodbye, Norwegen.🇳🇴

Willkommen in Schweden 🇸🇪

Ein kurzer Blick auf den Tacho zeigt- an der nächsten Kreuzung einmal links.

Und dann steht man plötzlich vor diesem Schild, vor dem man in diesem Landstrich nicht stehen möchte.

Ich öffne die Route auf dem Handy und schicke ein Stoßgebet nach oben, dass die Umleitung weniger als 10 Extrakilometer bringt.

Ganz offensichtlich ist es beim Richtigen angekommen, 1 km weiter zweigt die Straße nochmals ab.
Glück gehabt.

Ab hier beginnt die lange Auffahrt zum Sälenfjäll. 25 Kilometer geht es nun kontinuierlich nach oben.

Schon nach den ersten hundert Metern weiß ich, diese Auffahrt wird landschaftlich ein Traum. Vor mir die Hochflächen, links und rechts weite Naturreservate und auch das Thermometer zeigt mittlerweile eine zweistellige Zahl, wenn auch im unteren Bereich.

Bis hierher haben mich kaum Autos begleitet, dies ist nun leider anders, aber der Verkehr hält sich dennoch in Grenzen, das habe ich auch schon anders erlebt.
Nur Bikepacker sehe ich seit Oslo keine mehr.

Mit Tandådalen erreiche ich das erste Skigebiet. Im Winter ist hier die Hölle los, im Sommer ist es dagegen eher ein Geisterdorf. Lediglich die immer mehr werdenden Mountainbiker versprühen ein wenig Leben.
In mir verursacht dieser Ort gemischte Gefühle. Die Faszination dieser Landschaft wird von einem fast schon beklemmendem Gefühl begleitet .

Ein Hinweisschild zur Fjällkirche weckt kurz darauf meine Aufmerksamkeit. Diese kleine Pause gönne ich mir und gehe hinein.
Sofort fällt mir die angenehme Wärme auf. Nicht nur die Temperatur, sondern die gesamte Atmosphäre. Viele Kirchen bei uns wirken kühl und distanziert, hier ist das komplette Gegenteil der Fall. Wie gemütlich kann eine kleine Kirche eigentlich sein?

Nur wenige Kilometer später erreiche ich den höchsten Punkt des Fjälls.
Auch hier steht wieder eine kleine Fjällkirche aus Holz, die mich sofort hineinzieht.
Der Innenraum wirkt sogar noch schöner als der erste. Diese Mischung aus Wärme, Ruhe und Schlichtheit hat etwas unglaublich Beruhigendes.

Ein paar Schritte weiter entdecke ich einen kleinen Behälter mit Steinen. „Ich will danken für …“ steht darauf geschrieben.
Wer möchte, kann sich einen Stein nehmen, ihm den Dank für etwas im eigenen Leben anvertrauen und ihn anschließend neben den Altar legen.

Und genau das mache ich.

Nicht, weil ich besonders gläubig bin, sondern weil mir dieser Moment die Gelegenheit gibt, wieder einmal bewusst innezuhalten und an die vielen schönen Momente in meinem Leben und vor allem auch auf dieser Reise zu denken, die alles andere als selbstverständlich sind.

Mit genau diesem dankbaren Gefühl steige ich wieder aufs Rad.

Einige hundert Meter weiter fahre ich am Beginn, oder eben dem Ende, je nachdem, in welche Richtung man ihn begeht, des südlichen Kungsleden vorbei.
Und auch dieser Moment trägt wieder mehr mit sich, als es auf den ersten Moment scheint.
Sofort kommt mir die Backpackingtour mit meiner Mutter Anfang Juni wieder in den Kopf. Die Erinnerung, an diese 5 unbezahlbaren und wunderschönen Tage südlich von Göteborg, wecken den Wunsch, es hier in dieser Gegend ganz bald zu wiederholen.

Mit all diesen schönen Momenten im Kopf lasse ich die Fjälllandschaft hinter mir und rolle hinunter nach Sälen.
Die Höhenmeter der vergangenen ein bis zwei Stunden verschwinden innerhalb von 15 Minuten.

14 Kilometer bleiben bis Kläppen, meinem heutigen Ziel.
Ich entscheide mich für die rechte Flussseite, weil es die kleinere Straße ist. Ein Fehler.
Da an diesem Wochenende der Vasalauf für Mountainbiker stattfindet und der Start einer Strecke im nur vier Kilometer entfernten Ort auf der anderen Flussseite liegt, wird der gesamte Verkehr über meine kleine Straße umgeleitet. Nach diesem so ruhigen und beeindruckenden Tag ein kleiner Dämpfer.

Zum Glück kommt der Wind weiterhin von hinten und schiebt mich die letzten Kilometer regelrecht Richtung Kläppen.

Schon bei der Einfahrt ist klar: Auch hier dreht sich alles um den Wintersport. Pisten, Seilbahnen und Ferienhäuser, soweit das Auge reicht.

Für mich geht’s zum Key-Häuschen Nummer 2, dort spuckt ein Automat nach Eingabe des Codes meine Schlüssen für das Zimmer der Jugendherberge aus.
Soweit noch ganz einfach.
Danach erhöht sich der Schwierigkeitsgrad jedoch. Sjungarbacken 8b steht auf dem Schlüssel , schon mal eine brauchbare Info.
Vor mir ein Wegweiser, auf dem Sjungarbacken angeschrieben steht.
Ich folge ihm.
Und wie es halt so ist, es folgt eine Rampe.

Oben angekommen, werfe ich einen Blick auf den Lageplan all dieser Ferienhäuser, Hütten und all dem, was es hier noch so gibt.
Überall stehen 4stellige Zahlen, aber nirgends 8B.
Ich folge dem Abzweig, der die Kategorie B markiert – auch hier überall nur Zahlen über 1000.

Also ein zweiter Blick auf den Plan.
Diesmal schaue ich mir nur den Auszug mit meinem Gebietsnamen an und das hätte ich einfach mal gleich machen sollen.
8 B finde ich nun tatsächlich, allerdings muss ich hierfür die Einfahrt für Bereich C nehmen und um gefühlt 20 Ferienwohnungen herum fahren.
Aber irgendwann endet auch diese kleine Orientierungsschnitzeljagd und finde das Haus.
Als Belohnung hab ich es ganz für mich alleine.
Eine kleine Küche, 4 Betten und sogar eine Sauna.
Dafür nimmt man die erschwerte Anfahrt dann doch gerne in Kauf.

Den Nachmittag nutze ich, um auf den Kläppenberget zu wandern.

Schnell stelle ich fest, dass die Skipisten hier im Sommer eine deutlich andere Erscheinung haben als beispielsweise in Österreich. Während dort viele Pisten fast verschwinden und sich die Natur ihren Raum zurückholt, ziehen sich hier die braunen Schneisen der Abfahrten deutlich sichtbar durch den Wald. Ein ungewohnter Anblick inmitten dieser ansonsten so ursprünglichen Landschaft.

Dafür entschädigt der Gipfel umso mehr. Oben angekommen öffnet sich der Blick weit über die gegenüberliegenden Berge und die riesigen Waldgebiete.

Und damit endet mein erster Tag in Schweden.
Ein Auftakt, der kaum schöner hätte sein können.

Morgen geht es weiter Richtung Orsa. Ein Ort, der ebenfalls auf der Liste stehen sollte, wenn man durch Mittelschweden reist.

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