Knapp 100 km Dalarnaliebe
97 km / 738 HM
Gesamt 571,68 km
Von Kläppen über Mora bis nach Orsa soll es heute gehen. Also einmal Dalarna – Komplettpaket. Und das beginnt standesgemäß bei 3 Grad. Inzwischen ist das allerdings keine besondere Erwähnung mehr wert, sondern schlicht Normalität. Die Anstiege zu Beginn zum Glück auch, die ich mittlerweile sogar lieber habe, als Abfahrten. Zumindest zu dieser Tageszeit.

Der erste Anstieg entpuppt sich allerdings schnell als typischer Komoot-Fail. Die ersten 300 Meter lassen sich mit viel Mühe noch fahren, danach bleibt nur noch schieben. Was für eine Quälerei an diesem eigentlich so schönen und sonnigen Morgen.

Oben angekommen, mündet der Weg zum Glück wieder auf eine Straße, die noch dazu erst vor kurzem neu geteert wurde. Perfektes Timing.
Was den Verkehr betrifft, allerdings weniger.
Ein Auto und ein Bus nach dem anderen kommt mir in der ersten Stunde auf dieser Straße entgegen. Teilweise ziehen sich ganze Auto-Kolonnen durch die Landschaft. Auf jedem sind ein oder mehrere Mountainbikes aufgeladen, also alles Starter des Vasa- Bike Marathons.
Die Straße führt immer parallel zur Lauf – und Radstrecke. Kein schwieriger Trail, sondern ein schöner, nicht allzu breiter Weg. Da bekommt man Lust..
Zu laufen natürlich.
Es dauert über 35 Kilometer, bis ich bei einem Campingplatz endlich einen Frühstücksplatz finde, die Rastplätze haben sie beim Neubau der Straße nämlich irgendwie vergessen. Zum Glück hat es die Temperatur auch auf 10 Grad geschafft, da sollte es ohne dicke Jacke gehen.
Die Pause nutze ich gleich mal, um mir die Startzeiten anzuschauen.

Damen 8 Uhr.
Männer 9 Uhr.
8.000 Teilnehmer.
Das erklärt nun auch die nicht enden wollenden Autoschlangen.
Wo all diese Teilnehmer auf diesem durchgängig schmalen Weg alle Platz finden sollen, ist mir ein Rätsel.
Kurz nach dem Frühstück erreiche ich den höchsten Punkt und verlasse nun leider diese traumhaften Hochflächen.


Die Kontrollstationen, an denen ich vorbeikomme, sind allesamt noch unbesetzt und warten einsam auf die Radfahrer, die irgendwann hier auftauchen werden. Bei der Startzeit von 8 Uhr wird mich von denen jedenfalls keiner überholen. Es ist gerade mal 9 Uhr und ich bin bereits 40 km vor Mora. Für einen Moment habe ich damit also tatsächlich 8.000 Mountainbiker hinter mir.
In Oxberg bin ich wieder unten angekommen und sofort mittendrin in dieser Wunderwelt Dalarna. Schweden, wie es im Bilderbuch steht.
Hier gibt es eigentlich nur zwei Arten von Häusern: rote Holzhäuser oder naturbelassene Holzhäuser. Keines will größer, schöner oder auffälliger sein als das andere. Nichts drängt sich in den Vordergrund, nichts versucht, aus der Reihe zu tanzen.
Bescheidenheit, soweit das Auge reicht. Eine Eigenschaft, die ich in Deutschland manchmal vermisse: Nicht alles muss größer, neuer, höher oder auffälliger sein. Man kann einfach schön sein, ohne es beweisen zu müssen.

Rechter Hand verläuft weiterhin die Wettkampfstrecke.
Seit Beginn tauchen dort regelmäßig Schilder auf.
Erst „A“, dann „B“, „C“ und so weiter. Mittlerweile bin ich bei „X“ angekommen.
Bis „Z“ sind es also nur noch zwei Buchstaben, bis Mora allerdings noch 18 Kilometer. Ein kleines organisatorisches Problem zeichnet sich ab und ich bin gespannt, was danach kommt. Haben die Schweden einen Plan B oder wird ab „Z“ einfach wieder bei „A“ angefangen? Dann wäre ich irgendwann bei A und hätte gleichzeitig keine Ahnung, ob ich gerade am Anfang oder am Ende der Strecke bin?!
Es bleibt also spannend.

Im dem Moment werden meine Gedankengänge von nicht zu überhörenden Motorgeräuschen von zwei Quads unterbrochen, die über die Wettkampfstrecke donnern und meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wenn die das dürfen, hätte ich zu dieser Zeit ja vielleicht auch noch auf diesem schönen Weg fahren dürfen?!
Kurz darauf ist klar: Ziel verfeht !!
Um 10:20 Uhr.
16 km vor Mora.
Danach kommt nämlich in unglaublicher Geschwindigkeit ein Mountainbiker. Nein, eine Mountainbikerin – MIT Startnummer.
Hut ab vor dieser Leistung!!!
Um meine eigene Leistung nicht unnötig kleinzureden, könnte ich jetzt natürlich anführen, dass ihre Startnummer mit geschätzten zwei Gramm gegenüber meinem 18 Kilogramm Gepäck einen gewissen Gewichtsvorteil darstellt.
Allerdings hatte ich 2 Stunden und ungefähr 15 Kilometer Vorsprung.
Damit ist auch dieses Argument eher von der Kategorie „kreative Auslegung der Tatsachen“.
Also bleibt nur mein absoluter Respekt. Und weiterfahren.

Um in meiner eigens erstellten Rangliste nicht noch weiter nach hinten durchgereicht zu werden, verlasse ich schließlich die Vasalaufstraße und biege auf den Siljanleden ab.
Schon in den vergangenen beiden Jahren bin ich immer wieder ein Stück auf diesem offiziellen Radweg gefahren und war jedes Mal begeistert. Er führt durch die kleinen Dörfer Dalarnas, die schöner kaum sein könnten. Rote Holzhäuser, alte Höfe, kleine Wege und diese ganz besondere Ruhe. In jedem dieser Orte möchte man eigentlich anhalten und bleiben.

Dann bin auch ich in Mora angekommen.
Und genau in diesem Moment fahre ich neben der Strecke her und bekomme all die Emotionen hautnah mit. Zuschauer stehen am Rand, jubeln und applaudieren jedem, der hier ankommt. Ich weiß genau, was sich auf den letzten Kilometern eines Wettkampfs abspielt. Die Müdigkeit, die Erschöpfung, der Kopf, der längst genug hat, und gleichzeitig dieses unbeschreibliche Gefühl, dass das Ziel jetzt zum Greifen nah ist. Die letzten Schritte sind noch einmal ganz besondere. Man funktioniert nicht mehr einfach nur, man trägt sich irgendwie ins Ziel.
Und auch die Fahrer hier kämpfen sich an dieser Stelle die letzten Meter ins Ziel, und obwohl ich selbst gar nicht dazugehöre, fühlt es sich plötzlich an, als wäre ich mittendrin.

Dieser Lauf, egal ob Sommer oder Winter, ist nicht einfach irgendein Rennen. Er gehört zu Schweden wie kaum ein anderer und blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die 90 Kilometer folgen dem Weg, den Gustav Eriksson Vasa 1521 auf seiner Flucht vor den Dänen nahm.
Heute stehen hier Tausende Menschen an der Strecke und feiern die, die diesen Weg aus eigener Kraft bewältigen. Und in dem Moment weiß ich plötzlich ziemlich genau, dass ich in naher Zukunft nicht mehr nur danebenstehen werde.

Ich bleibe noch kurz am Zielbogen stehen und beobachte das Treiben, dann geht es weiter.
14 Kilometer sind es noch bis Orsa.
Vorher steht allerdings noch ein obligatorischer Programmpunkt auf dem Plan: der Halt am Dalarna-Pferd.

P.S.
Das Foto ist das vom letzten Jahr, würde heute aber nicht anders aussehen.
In Orsa angekommen, mache ich mich zu Fuß auf den Weg in den Ort. Man sagt ja, Orsa soll recht schön sein. Es dauert allerdings nicht lange, bis ich feststellen muss, dass ich diese Einschätzung nicht unbedingt teilen kann.


Damit kenne ich nun wohl alle größeren Orte rund um den Siljan. In meiner persönlichen Rangliste landet Orsa hinter Rättvik und Mora auf Platz drei. Wobei das eigentlich gar nicht so wichtig ist. Denn was diese Gegend für mich so besonders macht, sind ohnehin nicht die größeren Ortschaften, sondern all die kleinen Dörfer dazwischen.
Dalarna gehört für mich zu den schönsten Regionen Schwedens. Und jedes Mal, wenn ich hier bin, kommt derselbe Gedanke auf:
Wie schön wäre es, einfach hierbleiben zu können.
