Tag 8: Orsa – Edsbyn

Orsa nach Edsbyn

98,3 km / 922 HM
Gesamt 669,95 km

12 Grad.
Ich steige aufs Rad und es sind tatsächlich 12 Grad.
UND größtenteils blauer Himmel.
Ich hoffe, dass nun endlich der Knoten geplatzt ist.

Bis Edsbyn geht es heute und damit verlasse ich leider Dalarna. Aber Hälsingland ist nicht weniger schön.

Die ersten zwei Stunden vergehen schnell. Ein kleines schwedisches Dorf folgt auf das nächste, während die Sonne zunächst noch hinter den Wolken bleibt. Vor mir wird es allerdings zunehmend heller und irgendwann sieht es tatsächlich so aus, als könnte dieser Tag ein ziemlich guter werden.

In Furudal wittere ich eine Frühstücksbank. Der Name des Ortes kommt mir schon seit Tagen bekannt vor, ich kann ihn aber nicht recht zuordnen und bekomme auch kein Bild im Kopf zustande. Erst als ich nach dem Ortsschild an einer Firma vorbei fahre, vor der geschätzt 8 kleine Dalarnapferde stehen, die als Poller dienen, ist die Erinnerung wieder da.

Am kleinen Supermarkt entdecke ich wenig später die Bänke, auf denen ich bereits im vergangenen Jahr gesessen habe. Ein Stück weiter gibt es zwar einen wesentlich schöneren Rastplatz, aber bei dem kräftigen Wind heute gewinnt die alte Frühstücksbank. Vertraut, windgeschützter und bereits erfolgreich getestet. Manchmal muss man bewährte Dinge einfach nicht verbessern.

Gut gestärkt fahre ich weiter und bleibe bis kurz hinter Furundal noch ein Stück auf dem Siljanleden.

Noch einmal links auf einen kleineren Weg abbiegen und dann zurück auf die bereits bekannte Straße nach Edsbyn. Beim Blick auf den Tacho hadere ich dennoch kurz… Blau gestrichelte Linie.
Aus „Einmal links“ könnte ich auch komfortablere 1000 m geradeaus und dann links machen … Nun gut, war bisher ja auch kein Problem.

Lerneffekt des Tages:
Blau gestrichelte Linien sind in Schweden offenbar nicht dieselbe Art von Wegen wie in Norwegen. Im Zweifelsfall nicht ausprobieren. Vor allem dann nicht, wenn man sich dadurch lediglich einen lächerlichen Kilometer spart.

Die verbleibenden 40 Kilometer kenne ich bereits aus dem vergangenen Jahr, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Damals kam der Wind von vorn und machte aus jedem Kilometer eine kleine Geduldsprobe. Heute ist es derselbe Wind, nur ich habe die Richtung gewechselt.
Bei Böen bis 55 km/h fährt sich diese Strecke ausgesprochen entspannt. Vielleicht ist die Richtung hier tatsächlich weniger eine Frage der persönlichen Vorliebe als der meteorologischen Umstände. West nach Ost scheint jedenfalls die deutlich bessere Idee zu sein.

Der Nachteil der verkehrsarmen Straßen: Man hört jedes noch so kleine Geräusch am Fahrrad. Bisher konnte ich jedes Schleifen und Knacken recht schnell orten und als ungefährlich einstufen. Das gelingt mir nun nicht mehr.
In den höchsten drei Gängen ist immer wieder ein Knacken zu hören. Meist drei- bis viermal hintereinander, dann kurz nichts, dann wieder einige Male, anschließend wieder Ruhe. Dabei spielt es auch keine Rolle, wie kräftig ich in die Pedale trete.
Also befrage ich die digitale Fahrradwerkstatt ChatGPT. Ein kurzer Dialog hin und her, verschiedene Möglichkeiten, aber keine wirkliche Antwort. Schlauer bin ich hinterher nicht. Beruhigter auch nicht. Im Grunde genommen könnte jedes Teil an diesem Fahrrad betroffen sein, angefangen beim Tretlager bis hin zur Kassette.
Ich könnte das Ganze natürlich ignorieren. Oder es hier einfach nicht erwähnen. Beides wäre vermutlich die vernünftigere Variante. Kann ich aber nicht und will ich auch nicht. Es verunsichert mich, weil ich nicht weiß, ob es etwas Harmloses ist oder der Anfang eines Problems, das ich lieber früh erkannt hätte..

Ein weiterer Versuch, das Gedankenkarussell zum Stillstand zu bringen, führt mich zu Hans, meinem Fahrradmechaniker des Vertrauens. Immerhin kennt er mich und weiß vermutlich auch, welche Antwort ich gerade hören möchte. Seine 90-prozentige Entwarnung nehme ich deshalb dankbar entgegen.
Seine Erklärung: Der schlammige und dreckige Weg vom Mittwoch könnte die Ursache sein. Ich glaube ihm. Nicht unbedingt aus tiefer Überzeugung, eher aus einer gewissen Bereitschaft, glauben zu wollen.

Danach fahre ich erstmal weiter.

Vor zwei Jahren habe ich Ragnar kennengelernt. Er lebt in Hagfors und ist in einem ziemlich großen Gebiet unterwegs, in dem er Stecklinge verschiedener Baumarten pflanzt.
Schon damals hat er mir zweimal geholfen und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Kontakt blieb seitdem bestehen.
Kurzerhand schreibe ich ihn an und frage, ob er mich auch diesmal wieder retten würde, sollte etwas mit dem Fahrrad sein. Eine Antwort lässt nicht lange auf sich warten.

Mit seinem Versprechen im Hinterkopf kann ich das nervige Geräusch am Fahrrad morgen dann hoffentlich endgültig in den Hintergrund drängen.

Meine Unterkunft für die Nacht ist ein STF Vandrarhem etwas außerhalb von Edsbyn. Auf meine Frage, ob ich auch etwas früher als angegeben einchecken darf, kommt umgehend eine Antwort:

„Radfahrer dürfen jederzeit kommen und sind herzlich willkommen.“

Und da ist sie wieder, diese besondere Herzlichkeit, die mir auf dieser Reise immer wieder begegnet und von der ich vermutlich mehr mitnehme als von manchem Ort, den ich besuche.

Kaum habe ich das Fahrrad abgestellt, steht auch schon die Hausherrin vor mir. 74 Jahre alt und mit einer Wärme, die sich nicht nur in ihrer Art, sondern im ganzen Haus wiederfindet. Alles wirkt persönlich, durchdacht und mit viel Liebe eingerichtet. 20 Euro kostet mich die Nacht hier und trotzdem fühlt es sich an, als hätte ich gerade eine der besonderen Unterkünfte dieser Reise gefunden. Die Liebe steckt tatsächlich im Detail.

Nach dem Abladen meines Gepäcks komme ich mit ihr ins Gespräch.
Sie hat einige Jahre in der Schule Deutsch gelernt und war danach selbst Lehrerin in einer kleinen Dorfschule gleich ums Eck. Als ich ihr von meinen Erlebnissen der letzten Wochen erzähle, kann sie es kaum glauben.
Inzwischen ist sie im Ruhestand und engagiert sich noch ein wenig politisch. Wir sprechen auch über die Veränderungen, die sie in ihrem Land beobachtet. Ähnlich wie in Deutschland sieht sie mit Sorge, dass nationalkonservative und rechte Parteien zunehmend an Einfluss gewinnen. Trotzdem versteht sie meinen Wunsch, irgendwann einmal länger oder vielleicht sogar dauerhaft hier zu leben.
Sie kennt sogar eine Deutsche, die es geschafft hat und jetzt im nördlichen Schweden lebt.
Lerne zuerst die Sprache und komme immer wieder ins Land, gibt sie mir als Tipp mit auf den Weg.

Nach diesem Gespräch zieht es mich hinaus zum nahegelegenen See.

Auf der Terrasse einer unfertigen Hütte sitze ich eine Weile und lasse ihre Worte nachwirken.

Wie oft wissen wir eigentlich ziemlich genau, was wir uns wünschen, und verschieben es trotzdem immer wieder auf später? Vielleicht, weil ein Wunsch leicht ist, solange er nur ein Gedanke bleibt. Schwerer wird es in dem Moment, in dem man anfängt, ihn ernst zu nehmen und herauszufinden, was man dafür verändern müsste.
Nicht jeder wird Wirklichkeit werden, manche verändern sich unterwegs und manche brauchen Jahre, bevor aus einem Wunsch ein konkreter Weg wird. Aber solange wir sogar aufhören, von ihnen zu träumen, haben sie überhaupt keine Chance.
Manche Träume brauchen keinen perfekten Plan, sondern zunächst nur den Mut, sie nicht kleinzureden.

Und vielleicht sollten wir überhaupt viel öfter auf unser Herz hören, statt uns von den Stimmen anderer verunsichern zu lassen. Nicht jeder muss verstehen, warum wir etwas tun, warum wir einen bestimmten Weg wählen oder was uns glücklich macht.

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