Tag 9: Edsbyn – Ljusne 🌧️

Regenvormittag von Edsbyn nach Ljusne

97,5 km / 605 HM
Gesamt 767,43 km

Die Wettervorhersage für heute besagt nichts, was das Herz höher schlagen lässt. Ein breites Wolkenband, das sich von Nord nach Süd erstreckt, ist im Anmarsch und soll zwischen 4 und 8 Uhr Regen bringen.

Meine innere Uhr weckt mich wieder pünktlich, und das Erste, was ich höre, sind Regentropfen.
Der Schweinehund sagt: Bleib liegen.
Der Kopf sagt: Wenigstens 6 Kilometer.
Am Ende gewinnt der Kopf.
Also ziehe ich die Regenjacke an und wage mich nach draußen. Zum Glück hört es sich im Haus schlimmer an, als es tatsächlich ist. Nach dem ersten Kilometer hört der Regen sogar ganz auf.
Hoffnung macht sich breit. Vielleicht hat sich dieses dicke Band auf dem Radar bis zu meiner Rückkehr ja wieder verzogen.
Aus den geplanten 6 Kilometern werden am Ende 11.

Als ich zurückkomme, werfe ich einen Blick auf das Regenradar und stelle fest: Das Wetter hat seine Pläne offenbar nicht geändert. Das dicke Band liegt noch genauso unbeirrt über der Gegend. Lediglich das Ende der nassen Phase wurde inzwischen von 8 auf 10 Uhr verschoben.
Also regenfest machen und dann Augen zu und durch.

Beim Beladen des Fahrrads regnet es nur minimal und so landet der Poncho erstmal im Rucksack. Die Regenhose auch.

Ich komme ganze 300 m, bis ich feststelle, dass das wohl zu optimistisch gedacht war.
Die Regenjacke muss dem Poncho weichen.

Jetzt aber!

Oben ist es trocken, unten jedoch nicht.
Nächster Stopp: Regenhose.

Jetzt aber!

Unten ist es jetzt auch trocken, oben aber nur vorne. Der Poncho reicht nicht über den Rucksack, was zur Folge hat, dass ich am Rücken nass werde.
Und jetzt?

Rucksack nach vorne.
Würde funktionieren, wenn nicht die Träger ständig von den Schultern rutschen würden. Aber wozu gibt es den Verschluss dazwischen.
Die Idee ist gut. Die Umsetzung eher ausbaufähig. Versuch mal, so ein Ding alleine auf dem Rücken zu schließen. Jegliche Versuche scheitern.
Wäre ich dem Yoga mal lieber treu geblieben.

Ich gebe den Ganzen noch zwei Versuche.
Geschafft!!
Der Rucksack sitzt vorne, der Verschluss ist zu und ich bin wieder einigermaßen regenfest.
Und gesehen hat es zum Glück auch keiner.
Der Vorteil der frühen Uhrzeit.

Nachdem ich nun wirklich alle Geschütze der Regenbekleidung aufgefahren habe, legt auch der Regen noch einmal ordentlich nach. Offenbar möchte er sicherstellen, dass sich der ganze Aufwand auch lohnt.

Und wie auch im vorletzten Jahr, habe ich das Problem, dass ich durch dieses eigentlich praktische Teil, den Tacho nicht mehr sehe. Immer wieder muss ich das Regencape vom Lenker schieben um die Strecke zu sehen, was zur Folge hat, dass ich jedes Mal einen Schwall Wasser abbekomme, der sich in den Mulden sammelt. So praktisch diese Erfindung grundsätzlich ist, ganz fertig entwickelt scheint sie noch nicht zu sein.

Das Ganze setzt sich bis Alfta unzählige Male fort. Die Uhr zeigt auch erst 7 Uhr, mir blühen als noch 3 weitere Stunden. Was für ein Kampf.

Vom Frühstück nehme ich gedanklich bis Bollnäs erstmal Abschied. Erst dort könnte es eine überdachte und trockene Möglichkeit geben.
Also weiter. Mindestens 20 km.

Der Ortsnamen bringt mich kurz darauf sogar zum Schmunzeln. Da war wieder jemand sehr kreativ. Dieser Ort könnte sogar mit dem Dorf „Loveyourhorse“ vom letzten Jahr Konkurrenz aufnehmen.

Mit 10 Grad ist es zum Glück nicht ganz so kalt, sodass der Regen mich nicht zusätzlich auskühlt. So langsam kriecht die Nässe allerdings trotzdem in die Schuhe, trotz Regenüberziehern.
Kalte Füße? Okay.
Kalte, NÄSSE Füße? Nein. Einfach nein.
Also beginne ich wieder einen kleinen Dialog mit mir selbst, um bei Laune zu bleiben. Kilometer für Kilometer denken. Nicht an die Gesamtstrecke. Genau das funktioniert beim Ultra schließlich auch.

Schon seit einigen Kilometer beschäftigt mich das nächste Problem an solchen Tagen – ich brauche eine Klopause. Und zwar so, dass Fahrrad und ich danach nicht komplett nass sind.

Mein Wunsch wurde offenbar erhört und an einer Unterführung wittere ich meine Chance. Das Fahrrad steht trocken. Und ich bewege mich auch nur ein paar Schritte aus der Unterführung raus, bei dem Wetter kommt heute eh keiner. Und selbst wenn, dieses Regenzelt bedeckt sowieso alles. Würde ich jetzt den Kopf einziehen, wäre ich sogar ganz weg.

Nach langen 36 Kilometern kommt nun endlich das erlösende Ortsschild von Bollnäs.
Vorbei am Krankenhaus, den Häusern am Ortsrand , der Kirche, dann bin ich im Zentrum.
Widererwartend sichte ich keinerlei trockene Bank oder Unterstand.
Lediglich eine überdachte Sitzgruppe vorm Rathaus bietet sich an, die jedoch genau vor den Fenstern deren Kantine stehen. Das ist mir dann doch zu viel Präsenz.
Schweren Herzens fahre ich weiter.

Kaum bin ich ums Rathaus herum, sehe ich mehrere überdachte Bänke mit Tisch auf dem gegenüberliegenden Rastplatz.
Wer sagts denn. Für die Umstände ist dieser Platz sogar sehr schön.

Eine Stunde frühstücken, dann sollte es auch nur noch eine Stunde regnen. Das schaffe ich.

Mit frischen Semmeln und endlich wieder trocken sitze ich an meinem improvisierten Frühstücksplatz und werfe einen Blick auf das weitere Wetter. Das Wolkenband zieht nun offenbar doch schneller als erwartet. Wenn ich fertig bin, sollte der größte Teil des Regens bereits durchgezogen sein.
Während ich einmal tief durchatme, steht plötzlich eine Frau vor mir. Sie arbeitet im Rathaus, hat mich bei diesem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs gesehen und schließlich bemerkt, wie ich hier mein Frühstück auspacke.
Dann überreicht sie mir eine original Bollnäs-Thermoskanne.
„Bei diesem Wetter mit dem Rad unterwegs zu sein, macht keinen Spaß. Ich habe gesehen, wie du hier dein Frühstück auspackst und hatte Mitleid. Ich hoffe, der heiße Kaffee wärmt dich ein wenig wieder auf.“

Und plötzlich bin ich sprachlos.

Ich versuche, irgendwie passende Worte für meine Dankbarkeit zu finden, aber eigentlich reichen sie nicht aus. Denn es ist nicht einfach nur eine Thermoskanne mit Kaffee. Es ist dieser völlig unerwartete Moment, in dem ein fremder Mensch sieht, dass jemand gerade einen ziemlich nassen und anstrengenden Morgen hat, und einfach etwas tut, um ihn ein kleines bisschen besser zu machen.
Vielleicht ist es auch genau das, was solche Begegnungen so besonders macht. Für einen kurzen Moment muss man nicht stark sein, nichts aushalten und niemandem beweisen, dass man das schon irgendwie schafft.

Sie fragt noch, woher ich komme und welches Ziel ich habe. Dann läuft sie durch den Regen zurück ins Rathaus.
Und ich sitze da, mit meiner Semmel, der warmen Thermoskanne in den Händen und diesem seltsamen Gefühl, gerade etwas geschenkt bekommen zu haben, das weit über Kaffee hinausgeht.

Als ich fertig bin, hat der Regen tatsächlich aufgehört. Der Poncho landet auf dem Gepäckträger, der Rest sicherheitshalber noch nicht.

Es dauert keine 6 Kilometer, dann sehe ich hinter mir die ersten blauen Lücken zwischen den Wolken und dann ist die Sonne auch schon da.
Was für eine Erlösung.

Mit der Sonne im Gesicht, trockenen Händen und Füßen fahren sich die verbleibenden 55 km von alleine. Die Landschaft zeigt sich wieder von ihrer schönsten Seite, sodass ich beim Eintreffen in Ljusne mit diesem Tag wieder mehr als versöhnt bin. Und das liegt nicht nur allein am Wetter…

Am Nachmittag spaziere ich noch ein wenig am Ufer hinter dem Campingplatz entlang und erreiche einen kleinen, wenig vertrauenserweckendrn Steg, der auf eine kleine Insel führt.

Einer dieser Orte, an denen ich stundenlang sitze könnte. Und das mache ich dann auch.

Als ich mit der Sonne im Gesicht aufs Wasser schaue, denke ich noch einmal über diesen Tag nach. Über die lange Zeit im Regen, über den Frust und wie sehr man sich irgendwann einfach nach einem Ende des Regens sehnt.
Und genau dabei merke ich wieder, dass ich mir selbst eigentlich gar nicht den Anspruch stellen möchte, jede Erfahrung schön finden zu müssen. Ich habe mich bewusst für diese Reise entschieden. Ich wusste, dass drei Wochen mit dem Fahrrad durch Schweden auch Regen, Kälte und Gegenwind bedeuten können. Aber nur weil ich mich für diese Reise entschieden habe, muss ich nicht alles daran gut finden.
Wenn man drei Stunden oder länger im Regen fährt, darf man irgendwann einfach genervt sein. Man darf fluchen, keine Lust mehr haben und das Wetter beschissen finden. Ohne daraus sofort eine Lektion fürs Leben machen zu müssen. Eine schwierige Erfahrung wird nicht wertvoller, nur weil man sie im Nachhinein zwanghaft positiv bewertet.

Und vielleicht ist genau das auch eine Form von Freiheit: Nicht alles schönreden zu müssen. Das Wetter war heute lange einfach Scheiße. Punkt. Und trotzdem kann derselbe Tag später wunderschön werden.
Durch die Sonne. Durch 55 trockene Kilometer. Durch diesen kleinen Steg am Wasser. Und vor allem durch einen Menschen, den ich heute Morgen noch nicht kannte und der mir mit einer Thermoskanne heißen Kaffee etwas gegeben hat, das mir für immer in Erinnerung bleiben wird.

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