Lillehammer – Rena
82 km / 1175 HM
Gesamt 305,29 km
Und dann gibt es Tage, an deren Ende der Akku einfach komplett leer ist. Nicht körperlich, sondern mental.
Der angekündigte Regen am Abend und in der Nacht bewahrheitet sich natürlich. Schlechtwettervorhersagen waren bisher schließlich nie falsch.
Als ich um kurz nach fünf Uhr zu meiner morgendlichen Laufrunde aufbreche, hat er gerade erst aufgehört. Immerhin ein kleiner Lichtblick.
Als ich vor die Tür trete, habe ich meinen Beweis nun endgültig – sie schläft tatsächlich auf dem Bett vor der Wohnung.
Lassen wir das einfach mal so stehen.
Ein Blick in Richtung Berge gibt kurz darauf einen Vorgeschmack, was mich heute erwartet. Schon die letzten Häuserreihen von Lillehammer sind komplett in den Wolken. Ich versuche, irgendwo ein wenig Vorfreude auf den heutigen Tag zu finden – vergeblich.
Die bevorstehenden 1100 Höhenmeter, verteilt auf 80 km, das Fjäll auf 700 m Höhe, keine Ortschaft unterwegs, das trübe, triste und feuchte Wetter – der Tag startet alles andere als unbeschwert.

Die Kleidung ist heute dem Wetter angepasst, aber ich starte immerhin trocken.
Die ersten Kilometer gehen dann jedoch gleich mal schonungslos bergauf. 400 Höhenmeter auf 7 km.
Wenigstens bin ich warm. Zumindest für die nächsten 3 km. Das Thermometer zeigt 8 Grad, das reicht, um schnell wieder auszukühlen.
Langsam meldet sich der Hunger. Ich male mir einen schönen, überdachten und vor allem trockenen Frühstücksplatz aus. Realistisch betrachtet hoffe ich heute aber eher auf eine Bushaltestelle.
Kurz vor Lismarka traue ich meinen Augen kaum – eine überdachte Bücherhütte, mit zwei Stühlen, Tisch und netter Begleitung. Ich überlege kein zweites Mal, und halte an. Hier scheint das Frühstücksglück mal auf meiner Seite zu sein.
Gerade als ich es mir gemütlich machen will, ist die Freude schlagartig vorbei. Der Angriff der Wespen, deren Heim ich gerade im Begriff war zu stürmen, lässt mich unverrichteter Dinge wieder zusammen packen und weiterfahren. Es wäre ja auch zu schön gewesen.

Meine Hoffnung verlagert sich auf Lismarka. Vielleicht gibt es dort ja wenigstens eine überdachte Bank.
Als ich den Ort erreiche und feststelle, wie überschaubar er tatsächlich ist, verabschiedet sich dieser Gedanke allerdings genauso schnell wie er gekommen ist.
Also weiter.
Einmal links, kurz darauf wieder rechts.
Moment mal…
Steht hier jetzt wirklich eine wunderschöne überdachte Sitzgruppe in diesem Ort, der nicht mal der Rede wert ist?
Zum ersten Mal an diesem Morgen macht sich so etwas wie Freude breit. Ein warmer Kaffee, Frühstück und für ein paar Minuten einfach nur trocken sitzen. Mehr traut man sich heute gar nicht zu wünschen.

Die weiteren Kilometer werden sich ziehen. Für meine Verhältnisse habe ich heute viel zu früh Pause gemacht und plötzlich fühlt sich das Ziel noch einmal ein gutes Stück weiter entfernt an, als ohnehin schon.
Der erste kleine Hänger des Tages.
Es hilft nichts. Rena ist heute das Ziel. Komme, was wolle.

Mit jedem Kilometer kreisen die Gedanken allerdings wieder um die letzten 25 Kilometer der Etappe. Mindestens fünf- oder sechsmal habe ich die heutige Route in Komoot umgeplant. Immer in der Hoffnung, irgendwo noch ein paar Höhenmeter oder wenigstens ein paar Kilometer einzusparen.
Bis zum Ende des Sør-Mesna Sees gibt es tatsächlich mehrere Möglichkeiten. Doch für den Schlussabschnitt führt scheinbar kein Weg an genau dieser Strecke vorbei. Und genau die bereitet mir schon seit Stunden Bauchschmerzen.
Auf einem Foto in Komoot sieht der Weg alles andere als einladend aus. Ein schmaler Pfad, übersät mit großen Steinen, Schutt und Geröll. Aus Neugier plane ich die Route kurzerhand als Rennradtour. Tatsächlich ändert sich ein Teil der Strecke. Nur dieser eine Abschnitt bleibt hartnäckig bestehen.
Das macht mir zumindest ein wenig Hoffnung. Wenn Komoot dort ein Rennrad hinschickt, kann das Foto eigentlich nicht die ganze Wahrheit erzählen.
Für mich geht’s nun rechts weg…
Oder auch nicht.
Der Weg ist auf der Karte nur noch ein weißer Strich, aus Schweden weiß ich, das sollte man lassen. Also improvisiere ich und nehme die Straße auf der Nordseite. 120 Höhenmeter mehr, aber hier ist die Straße gelb dargestellt. Und Gelb bedeutet in diesem Fall vor allem eines: Autos fahren dort auch. Das erscheint mir heute als das deutlich überzeugendere Argument.
Ich lasse den ursprünglichen Weg links liegen und fahre bis zum nächsten Abzweig.
Und es war definitiv die Richtung Entscheidung. Auch wenn es ständig bergauf geht, hier rollt man wenigstens auf Asphalt.

Nach vier Kilometern ist der kleine Komfort allerdings schon wieder vorbei. Der Asphalt endet und geht in einen breiten Fahrweg über. Eigentlich mag ich solche Wege. Nach zehn Stunden Dauerregen sehen sie allerdings ganz anders aus, als man sie sich wünscht.
Es beginnt eine einzige Schlammschlacht.
Links und rechts tauchen anfangs noch vereinzelt Häuser auf. Sie sind das Einzige, was diesen Abschnitt ein wenig lebendig wirken lässt. Ansonsten begleiten mich nur Schafe. Menschen begegnen mir keine.

Mit jedem Kilometer werden auch die Häuser weniger. Die Schafe bleiben.
Je länger ich durch diese Einsamkeit fahre, desto öfter spreche ich mit ihnen. Nicht, weil ich Antworten erwarte. Sondern weil es den Gedanken im Kopf für einen Moment etwas leiser werden lässt.
Dabei ahne ich, wie schön diese Strecke bei gutem Wetter sein müsste. Heute verbirgt sich die Landschaft hinter tief hängenden Wolken. Ich fahre durch eine Gegend, die vermutlich beeindruckend ist.

Die vielen Höhenmeter kosten heute mehr Energie als die vergangenen 3 Tage. Und nicht nur das kostet Kraft. Der schlammige Untergrund sorgt für ein völlig instabiles Fahrgefühl. Man muss die Augen permanent auf dem Weg haben um ständig auftauchenden Gefahrenstellen auszuweichen. Bergab einfach mal rollen lassen, ist hier und heute nicht drin.

Schon seit vielen Kilometern taucht nicht mal mehr ein Haus auf. Lediglich ein Lkw donnert mir entgegen. Angesichts seiner Geschwindigkeit, kommen hier wahrscheinlich auch sonst nie Autos. Radfahrer noch weniger.
Am Ende des Sees zweigt meine Route links ab. Der zweite lange Berg steht mir bevor, hinauf bis zum Fjäll auf 740 Metern. Auch dieser Weg ist eine reinste Schlammpiste. Den Blick immer auf den Boden gerichtet, fallen mir plötzlich Tierspuren ins Auge, die definitiv von keinem Reh sind. Da es erst heute Nacht geregnet hat, sind diese Spuren noch sehr frisch. Auch wenn ich keinen sehe, freut es mich sehr, dass hier ganz offensichtlich Elche unterwegs sind.

Ich strampel tapfer weiter und hoffe insgeheim, vielleicht doch einen zu entdecken.
Und nach der nächsten Kurve ist es dann tatsächlich soweit. Da man diese Tiere nicht alle Tage sieht, halte ich den Moment natürlich fest.

Der erste „Elch“ meiner Reise trägt dann leider Hörner, gibt Milch und hört vermutlich eher auf den Namen Berta.
Schade.
Ein Blick auf den Tacho sorgt für den nächsten kleinen Dämpfer. Noch nicht einmal die Hälfte der Strecke liegt hinter mir, trotzdem bin ich bereits vier Stunden unterwegs. Die immer dichter werdenden Wolken tragen ihren Teil nicht gerade zur Motivation bei.
Ich versuche mir vorzustellen, wie diese Landschaft an einem sonnigen Tag aussehen würde. Und komme einmal mehr zu dem Schluss, dass dieser Teil Norwegens landschaftlich wunderschön sein muss.

Nach einer weiteren halben Stunde habe ich es dann endlich geschafft – der höchste Punkt. Und ich sehe – noch weniger als nichts. Lediglich ein paar verstreute Sommerhäuser der Norweger lassen sich irgendwo erahnen. All die vielen Kilometer bergauf umsonst…
Immerhin bei dem Ausblick, dass es nun fast noch bergab geht, hellt sich die Stimmung ein wenig auf.
Die unveränderten 8 Grad auf dem Tacho, der Schlammweg und die Feuchtigkeit eher weniger.

Dass ich es bergab nicht einfach rollen lassen kann, vergesse ich nur kurz. Einen Sturz kann ich gerade noch verhindern.
Also die Augen zurück auf den Weg und vollste Konzentration.
Es dauert nicht lange, dann ist es kalt. Die Handschuhe sind zum Glück griffbereit, eine zweite Jacke auch.
Kurz darauf wieder eine bevorstehende Abzweigung auf dem Tacho. Sofort wieder das bange Hoffen, dass der Weg ähnlich breit weitergeht, wie bisher.

Keine 3 Kilometer später die nächste Abbiegung. Und als hätte ich es geahnt, der abzweigende Weg ist nicht mehr gelb sondern weiß.
Alternative?
Gibt es hier nicht. Gibt es hier nicht mal ansatzweise.
Die nächste Kuhherde, an der ich vorbei muss, lässt die Sorge vor der weiteren Strecke kurz in den Hintergrund rücken. Vor diesen Tieren habe ich einen heiden Respekt. Langsam taste ich mich heran und schleiche vorbei. Wir schauen uns in die Augen. Was sie denken, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich möglichst schnell und möglichst unauffällig wieder aus ihrem Blickfeld verschwinden möchte.
Es klappt.
Der Weg überraschenderweise ebenfalls. Trotz der weißen Markierung bleibt er gut fahrbar.
Zum ersten Mal an diesem Tag atme ich wirklich auf. Bis Rena sollte das also funktionieren.
Zumindest glaube ich das.
Wenig später wird aus der weißen Linie auf dem Display eine blau gestrichelte.
Wanderweg.
Im selben Moment habe ich das Foto aus Komoot wieder vor Augen.
Und jetzt weiß ich auch, wo es aufgenommen wurde.
Vor mir fällt der Weg steil ins Tal ab. Große Steine, ausgewaschene Rinnen, loses Geröll. Eher das Bett eines ausgetrockneten Gebirgsbachs als ein Radweg.

Hier hilft nur noch absteigen und schieben.
Meter für Meter taste ich mich nach unten, jeder Schritt gut überlegt. Mit all dem Gepäck und Gewicht ins Rutschen kommen, wäre fatal.
Immer wieder zieht es mir die Füße weg, fange mich aber im letzten Moment noch ab.
Gefühlt nimmt der Abstieg kein Ende.
Ein Blick aufs Handy.
Noch etwa 200 Meter.
Selten haben sich 200 Meter so lang angefühlt.
Irgendwann stehe ich tatsächlich unten. Ohne weiteren Sturz.
Was für ein Nervenkrieg.

Ab hier wird der Weg wieder breiter und einigermaßen fahrbar. Die Schafe begleiten mich inzwischen schon seit Stunden. Sie sind die einzigen Lebewesen, denen ich hier regelmäßig begegne.
Bis die nächste Kuhherde auftaucht.
Nicht nur 3 oder 4, nein, ein Dutzend !!
An der Stelle bin ich definitiv raus. Nicht im Leben fahre ich an den riesigen Viechern vorbei. Und so rolle ich geduldig 1,5 km hinterher, in Schrittgeschwindigkeit, die Tiere immer im Blick. Sie mich jedoch auch.
An einer Schutzhütte haben sie dann endlich Erbarmen, biegen auf die Wiese ab und lassen mich vorbei.

Ich merke, wie ich ich zunehmend die Kraft verliere. Nicht der Körper, aber der Kopf. Diese stundenlange Angespanntheit zermürbt und es kommt langsam dieses Gefühl auf, welches ich nach langen Wettkämpfen im schweren Gelände in den Bergen habe. Es wird nun Zeit, dass diese Etappe ein Ende nimmt.

Noch fünf Kilometer. Dann sollte ich endlich wieder eine Straße erreichen.
Fünf Kilometer. Immerhin bergab. Wobei bergab auf solchen Wegen nicht automatisch leichter bedeutet. Der Untergrund verlangt weiterhin volle Aufmerksamkeit, jeder Meter bleibt konzentriert.
Und dann ist sie plötzlich zu sehen.
Die Straße.
Ich merke sofort, wie eine Last von mir abfällt.
Sechs Kilometer liegen noch vor mir. Sechs Kilometer auf Asphalt. Flach. Kein Schlamm, keine Steine, keine Überraschungen.
Ein Traum.
Auch ohne Sonne.

In Rena stehen 80 Kilometer und knapp 1.200 Höhenmeter auf dem Tacho. Zahlen, die auf den ersten Blick gar nicht so außergewöhnlich wirken. Aber Zahlen erzählen eben nicht immer die ganze Geschichte.


Am Ende dieses Tages bleibt vor allem eines:
Respekt vor dieser Strecke.
Und trotzdem weiß ich: Bei Sonnenschein wäre genau diese Etappe vermutlich eine der schönsten gewesen, die ich jemals gefahren bin. Die einsamen Wege, die Weite des Fjälls, die Seen, die Tiere am Wegesrand ( Kühe mal ausgenommen) und diese völlige Abgeschiedenheit haben etwas ganz Besonderes.
Vielleicht sind es gerade die schwierigen Tage, die einem eine Landschaft am intensivsten in Erinnerung bleiben lassen. Nicht, weil sie einfach waren, sondern weil man sie erlebt hat.

Aber auf all diesen 80 Kilometern ist mir heute eines klar geworden: Weiter nördlich wird meine Reise mit dem Fahrrad nicht gehen !
Nicht, weil die Landschaft es nicht wert wäre. Ganz im Gegenteil. Gerade diese Einsamkeit, diese Weite und die unberührte Natur machen den Reiz aus.
Aber genau diese Abgeschiedenheit hat auch ihre Kehrseite. Fehlende Infrastruktur, kaum Ausweichmöglichkeiten und lange Abschnitte, auf denen man auf sich allein gestellt ist, verlangen eine andere Art der Planung und des Reisens.
Ich bin jemand, der seine Grenzen gerne auslotet, immer wissen möchte, ob es noch einen Schritt weiter geht. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem nicht mehr der Wunsch entscheidet, sondern die Vernunft.
Und heute war dieser Punkt erreicht.
Nicht, weil die Strecke zu viel war. Sondern weil ich erkannt habe, dass nicht jede Grenze überschritten werden muss, nur weil man es vielleicht könnte.
