Tag 3: Hamar – Lillehammer

Hamar – Lillehammer

67,6 km / 896 HM
223,37 km Gesamt

Ein neuer sonniger Tag und heute ist genießen die Devise, denn morgen verabschiedet sich die Sonne erst einmal.

Mein Tag beginnt wie immer: mit einer Laufrunde zum Wachwerden. Zwölf Kilometer, keine Menschen, kein Verkehrslärm. Nur Ruhe und das gleichmäßige Geräusch meiner eigenen Schritte. Und sogar ohne Jacke. Ein kleiner, aber spürbarer Fortschritt zu gestern.

Knapp 70 km, aber dafür einige Höhenmeter mehr, werden es bis Lillehammer sein. Ich freue mich auf die Stadt, so steht sie doch schon lange auf meiner Wunschliste.

Zu Beginn geht es gleich erstmal wieder bergab, zwar kurz, es reicht am Ende aber, um den nächsten Baumstamm als Fahrradständer zu nutzen und die Handschuhe nun endgültig aus der Lenkertasche zu befreien. Auch heute ist es wieder verdammt frisch, wenn auch mit immerhin 6 Grad, also 4 Grad wärmer als gestern. Die Sonne versteckt sich aber erneut hinter einer einzigen Wolke.

Es vergehen kalte 11 Kilometer, dann lege ich den ersten Stopp am Supermarkt ein und genieße für einen kurzen Moment die wohltuende Wärme. Mein Frühstück muss allerdings noch warten. Pause mache ich erst, wenn sich die Sonne zeigt. Also fahre ich weiter.

Nach gefühlt langen 20 Kilometern erfüllt sich nun mein kleiner Wunsch.
Das Warten hat sich mehr als gelohnt, der Rastplatz könnte kaum schöner sein.

Auch heute begleiten mich die Wandermarkierungen des Pilgrimsleden auf vielen Kilometern. Seit gestern haben sie für mich allerdings etwas leicht Anklagendes.

Nach meinem Frühstücksplatz in Moelv bietet die Strecke heute leider nicht mehr ganz so viele Abschnitte, die wirklich überzeugen. Es kommen zwar einige schöne Ausblicke und es herrscht wenig Verkehr, dafür aber viel Asphalt.

Erst kurz vor Brøttum wechselt der Radweg auf einen gut fahrbaren Schotterweg. Gut fahrbar bedeutet allerdings nicht, dass der Blick entspannt durch die Landschaft schweifen kann. Schon vor zwei Jahren ist mir aufgefallen, dass Straßen und Wege in Norwegen nicht immer im besten Zustand sind. Und auch heute tauchen immer wieder völlig unvermittelt tiefe Schlaglöcher auf. Also volle Konzentration statt Panorama.

15 Kilometer vor Lillehammer wartet schließlich der letzte längere Anstieg. Von etwa 140 auf über 250 Meter. Klingt zunächst überschaubar. Wäre da nicht die Art, wie dieser Berg verläuft. Statt gleichmäßig bergauf geht es in steilen Rampen nach oben. 40 Höhenmeter hinauf, 15 wieder hinunter. 50 hoch,20 wieder runter. Immer und immer wieder. Teilweise kaum noch fahrbar. Es fühlt sich an, als würde man eine Leiter hinaufklettern, während oben jemand geduldig wartet, um einen kurz vor dem Ziel jedes Mal ein paar Sprossen zurückzuschieben.

Irgendwann schaffe ich es dann doch und werde zumindest mit einem wunderschönen Ausblick belohnt.

In Lillehammer übernachte ich heute bei Eva. Da ich eigentlich noch zum Supermarkt möchtet, aber direkt an ihrer Wohnung vorbeifahre, halte ich an und frage kurzerhand, ob ich mein Gepäck schon mal abstellen darf. Zuhause ist nur der Sohn, aber es ist kein Problem und so zeigt er mir gleich mein Zimmer.
“ Das Fahrrad kannst du nachts auf der Terrasse stehen lassen“.
Da Lillehammer doch etwas größer ist, erkundige ich mich lieber, ob es dort sicher ist oder ob ich es lieber abschließen soll.
“ Das brauchst du nicht abschließen, meine Mutter wohnt auf der Terrasse.“

Das Bett hinter mir lässt die Vermutung gar nicht erst zu, dass es nur ein Witz war.

Aber wenn ich in vier Jahren Bikepacking eines gelernt habe, dann einen völlig regungslosen Gesichtsausdruck zu bewahren, der zeigt, dass das alles völlig normal ist.

Da die Stunden des schönen Wetters erst einmal gezählt sind, breche ich gleich wieder auf, um Lillehammer und die Umgebung zu erkunden.
Mein erster Weg führt mich in die Fußgängerzone, die mit ein paar Menschen weniger sogar richtig beschaulich wäre.

Kurze Zeit später stehe ich im Sportgeschäft vor den Fahrradketten. Ersatz kaufen oder nicht? Mit dieser Frage beschäftige ich mich heute schon den ganzen Tag. Morgen geht es über das Fjäll auf mehr als 700 Meter Höhe, bei voraussichtlich schlechtem Wetter. Vor dieser Etappe habe ich mehr Respekt, als ich möchte. Ob jedoch eine neue Fahrradkette für 50 Euro dieses Gefühl beseitigen würde, ist fraglich.
Ich weiß selbst nicht, warum ich in diesem Jahr bei Manchem so ein ungutes Gefühl habe.

Ich lasse die Kette letztendlich wo sie ist, und wandere in Richtung Olympiazentrum. Beständig bergauf, an einem rauschenden Bach entlang, der irgendwann mit einem tollen Wasserfall belohnt. Was für ein schöner Ort.

Ein paar Schritte weiter begegnet mir wieder einer dieser sportlichen Norweger. Ein Einheimischer ist er aber ganz offensichtlich nicht. Ob der weitere Weg sehr steil ist, will er wissen.
Ich beruhige ihn und versichere, dass es eine gut laufbare Strecke ist. Kaum hat er sich bedankt, ist er auch schon wieder weg.
Spätestens in 500 m wird er dann merken, dass er sich auf Urteile von Touristen zukünftig lieber nicht mehr verlassen sollte. Der Weg wird nämlich tatsächlich steil, wer aber ein Trailäufer sein will, muss da durch.
Und dann setze auch ich meinen Spaziergang fort.

Heute Morgen habe ich übrigens etwas getan, was ich in vier Jahren Bikepacking tatsächlich noch nie gemacht habe: Ich habe meine Fahrradtaschen gewogen.
Das Ergebnis war beruhigender als erwartet. Jeweils etwa fünf Kilogramm in den Seitentaschen, dazu der Packsack mit ungefähr drei bis vier Kilo. Am Ende liegen also täglich etwa 14 bis maximal 16 Kilogramm Gepäck auf dem Fahrrad.
Damit sollten meine Sorgen bezüglich des Gepäckträgers und seiner Tragkraft endgültig beseitigt sein. Und auch mein Fahrrad dürfte das aushalten. Schließlich gibt es Menschen, die allein schon mehr wiegen als meine Taschen und ich zusammen.

Wer Lillehammer besucht und in seiner Jugend begeisterter Skisprungfan war, kommt an der Sprungschanze natürlich nicht vorbei. Ein kurzer Stopp ist Pflicht. Danach geht es für mich weiter, stetig bergauf, mit tollen Ausblicken über die Landschaft.

Der Weg zurück ins Tal führt an einem wunderschönen alten Museumsdorf vorbei, wie ich sie auch aus Schweden kenne.
Vor mir ein Drehkreuz mit einem grünen Knopf.
Ich drücke und es passiert …. Nichts.
Ich drücke nochmal … wieder nichts.
Da meine Fähigkeiten ganz offensichtlich nicht ausreichen um ein Drehkreuz zu bedienen, kommt mir ein circa 8 Jahre altes Mädchen zur Hilfe, drückt den Knopf auf der anderen Seite und ich kann, durch das sich öffnente Tor für Kinderwägen, endlich hinein.

Wie ich diese alten Dörfer liebe..
Dort ist die Zeit stehen geblieben und ein wenig fühle ich mich hier immer wie in den Filmen von Astrid Lindgren. Eine alte Schule, in der die Touris gerade getadelt und unterrichtet werden, eine wunderschöne Holzkirche, Ställe und alte Wohnhäuser…

Traumhaft schön.

Am Ausgang wartet nun wieder ein Drehkreuz, das von innen nach außen jedoch deutlich einfacher funktioniert.
Draußen angekommen, weiß ich auch warum.
Während ich mich letztes Jahr in Ljusdal im Stockwerk vertan und dank eines Namendrehers versucht habe, in die Wohnung von I. Anderson einzubrechen, erfolglos, hab ich es hier und heute in diesem Museum ganz offensichtlich geschafft.

Nun ja, immerhin 18€ gespart und mein Urlaubsführungszeugnis um einen Punkt erweitert.

Nach über drei Stunden bin ich wieder zurück bei Eva.
Lillehammer hat mir erneut gezeigt, warum diese Stadt schon lange auf meiner Wunschliste stand. Es sind nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die es hier auch gar nicht gibt, sondern die Kombination aus Landschaft, Geschichte und diesen kleinen Erlebnissen, die einen Ort besonders machen. Ein Besuch hier lohnt sich definitiv, und ich bin mir sicher, dass es nicht mein letzter war.

Morgen geht es weiter. Auf diese Etappe, vor der ich so großen Respekt habe. Vielleicht sogar mehr, als sie am Ende verdient. Aber genau diese Tage sind der Grund, warum ich unterwegs bin. Nicht, um immer nur die schönen Wege zu fahren, sondern um die eigenen Grenzen dort zu suchen, wo die Gedanken vorher schon angefangen haben, welche zu ziehen.

1 Gedanke zu „Tag 3: Hamar – Lillehammer“

  1. Liebe Karina!
    Hab herzlichen Dank dafür, dass Du Deine Eindrücke mit uns teilst! Ich reise Dir Tag für Tag gern hinterher und erinnere mich an unsere Norwegenreise vor einigen Jahren: Kaffeetrinken in Lillehammer im Sonnenschein, die Skisprungschanzen in Lillihammer und Oslo, Schnee am Morgen im August, wunderschöne Natur, Bergen mit Bryggen, öffentl. Toiletten, die nur mit Kreditkarte zu benutzen sind, Trondheim mit der Krönungskirche (wir haben die Konfirmation von zwei samischen Mädchen miterlebt, unvergessen), die Fjorde …
    Bleib behütet! 🫶🙋🏼‍♀️
    Liebe Grüße, Lydia

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