Tag 1: Oslo – Neskollen

Oslo – Neskollen

59,6 km / 692 HM

Meine Nacht an Bord der Color Magic war definitiv ausbaufähig. Langsam merkt man einfach, dass der Norden näher rückt und so wird es am Abend lange nicht dunkel. Nachdem die Uhr bereits 23 Uhr anzeigte, habe ich mich doch dazu durchgerungen, die Vorhänge zuzuziehen. Und vielleicht hätte ich das einfach 2 Stunden früher schon machen sollen. Mein hochwissenschaftlicher Verdacht auf die Mitternachtssonne wurde durch eine Schiffslampe direkt vor meinem Fenster innerhalb weniger Sekunden zerstört.
An der Schlafdauer änderte diese Erkenntnis allerdings nichts.

Gegen 4:30 Uhr gebe ich den Versuch, noch einmal einzuschlafen, endgültig auf. Statt mich weiter im Bett hin und her zu drehen, zieht es mich an Deck. Der Sonnenaufgang über dem Meer ist einfach jedes Mal wieder ein wunderschönes Spektakel, auch wenn der Wind über Nacht deutlich aufgefrischt hat und das Schiff mittlerweile auch spürbar schwankt. Im Vergleich zu der Überfahrt 2024 nach Kiel, ist das gerade aber nur ein laues Lüftchen. Diese Erfahrung lässt sich so leicht aber auch nicht toppen.

Um Punkt 7 Uhr öffnet nun endlich das Fitnessstudio. Also rauf aufs Laufband und 55 Minuten Fahrtspiel. Trotz des traumhaften Blicks auf den Oslofjord zieht sich die Zeit unglaublich langsam. Laufen auf der Stelle bleibt eben Laufen auf der Stelle.

Nach 10 Minuten nimmt ein weiterer, sehr sportlich aussehender, Passagier das Laufband ein. Er macht den Anfang und spricht mich an – auf Englisch. Da ich von ihm in der kurzen Zeit aber bereits zweimal das Wort „Sch***“ gehört hab, weiß ich, dass er Deutscher ist. Schon kommen wir ins Gespräch – ein Langdistanz-Triathlet aus Hamburg, der sich auf den Ironman in Portugal vorbereitet. Sein Fahrrad reist ebenfalls mit. Als wir auf Norwegens Topografie zu sprechen kommen, muss ich schmunzeln. Die höchste Erhebung, die er aus seiner Heimat kennt, sei die Deichkrone in Hamburg. Sein Optimismus im Hinblick auf die kommenden Anstiege beeindruckt mich. Aber vielleicht ist genau das eine Eigenschaft, die Ausdauersportler verbindet: Man weiß nie ganz genau, was einen erwartet, ist aber trotzdem überzeugt, dass es irgendwie funktionieren wird.

Frisch geduscht verbringe ich die letzte Stunde noch an Deck. Die Einfahrt nach Oslo zieht sich lange durch den Fjord und jeder Kilometer ist schöner, als der vorherige. Kleine Inseln, dicht bewaldete Ufer und überall weiße und rote Holzhäuser.

Um 10:15 Uhr öffnet sich schließlich die Bugklappe und innerhalb weniger Minuten setzt sich eine kleine Karawane aus Autos, Motorrädern und Fahrrädern in Bewegung.

Herzlich Willkommen in Norwegen.
So schön, wieder hier zu sein.

Der Weg aus dem Hafen ist zum Glück deutlich unkomplizierter als der hinein. Nach wenigen Minuten rolle ich bereits durch Oslo. Für mich gehört die Stadt nach wie vor zu den schönsten Großstädten Europas. Lebendig, modern und trotzdem angenehm entspannt. Da ich inzwischen aber schon zweimal hier war, bleibt es heute bei ein paar flüchtigen Eindrücken im Vorbeifahren.

Und ehrlich gesagt zieht es mich nach fast 20 Stunden auf einer Fähre mit unzähligen Menschen ohnehin woanders hin. Nämlich dorthin, wo die Straßen schmaler und die Häuser weniger werden. Genau dort beginnt für mich das Norwegen, auf das ich mich seit Monaten gefreut habe.

Weit komme ich allerdings nicht. Nach gerade einmal 1,5 Kilometern verschwindet die erste Jacke im Rucksack. Zwei Kilometer später folgt auch die zweite. 21 Grad, Sonnenschein und blauer Himmel. Nach der kühlen Erfahrung auf Deck war in meinem Kopf der Winter ausgebrochen. Aber Norwegen zeigt sich zum Glück von seiner freundlichsten Seite. So darf das gerne bleiben.

60 km und um die 600 HM erwarten mich nun bis Neskollen. Wer Oslo in nördlicher Richtung verlassen will, trifft unweigerlich auf Berge. Am ersten Tag, mit lediglich 11 Laufkilometern in den Beinen, ist das heute aber noch ein Kinderspiel.
Dass man als Radfahrer auch in Norwegen in Großstadtnähe nicht mit der Rücksichtnahme der Autofahrer rechnen darf, lerne ich sehr schnell wieder. Ein gestrichelter Übergang führt den Radweg über eine Straße, die Markierung ist eindeutig. Eigentlich meine Vorfahrt. Ich fahre weiter. Der Autofahrer offenbar auch. Für einen kurzen Moment scheint es ein kleines Kräftemessen zu werden, wer seine Interpretation der Verkehrsregeln konsequenter vertritt. Beide fahren wir weiter, in der stillen Hoffnung, der andere werde schon nachgeben.
Tut er dann auch. Im allerletzten Moment.

Weiterhin kann ich nach den ersten Kilometern bestätigen: Die sportlichen Norweger von 2024 gibt es immer noch. Läufer soweit das Auge reicht.

Es zieht sich gefühlt eine Ewigkeit, bis ich aus Oslo endlich heraus bin.
43 Ampeln später erreiche ich Strömmen und hier kommen auch die ersten Erinnerungen wieder, so führte mich meine Route vor 2 Jahren ebenfalls durch diesen Ort. Da an Sonntagen in Norwegen fast alle Supermärkte geschlossen sind, anders als in Schweden, nutze ich den kleinen Laden kurz vor Lilleström gleich zum Einkaufen.
Mit 8 lapidaren Artikeln erreiche ich kurze Zeit später die Kasse, dessen Display umgerechnet circa 35€ anzeigt. Kurz muss ich schlucken, erinnere mich dann aber doch wieder, dass man sich beim Einkaufen in Norwegen etwas zurückhalten sollte. Spätestens beim Anblick des Werbeplakat am Eingang, welches ein Scheißpapier – Sonderangebot für 8€ präsentiert, hätte der Groschen eigentlich fallen müssen.

Nach Lilleström wird es etwas ruhiger, die Landschaft auch. Viele Getreidefelder und Bauernhöfe prägen das Bild. Trotz der fehlenden Wälder und einem Hauch von Eintönigkeit, bieten sich immer wieder schöne Ausblicke.
Was allerdings noch nicht zurückgekommen ist, ist das Vertrauen in mein Rad. Die erste Tour im Jahr 2023 hat Spuren hinterlassen. Seitdem begleiten mich auf den ersten Etappen jedes Jahr dieselben Gedanken. Hält das Packsystem? Ist das zusätzliche Gewicht vielleicht doch zu viel? Macht der Gepäckträger und alle anderen Komponenten wirklich das mit, was ich ihnen für die nächsten Wochen zumute?
Mit jedem Kilometer wird dieses Gefühl zwar etwas leiser. Aber ganz verschwindet es nie. Es reicht ein Geräusch, das ich nicht einordnen kann, ein kurzes Knacken oder Klappern, und sofort beginnt der Kopf zu arbeiten. Meist ist am Ende gar nichts. Trotzdem fährt dieses kleine Stück Unsicherheit seit 2023 immer mit.

Die letzten 30 Kilometer vergehen dank Rückenwind recht schnell, trotz ständigem Auf und Ab.
Der Tacho zeigt noch 3 Kilometer – Endspurt.
Der Endspurt verliert jedoch sehr schnell seinen Spaß, so finde ich mich gleich am ersten Tag auf meinen mittlerweile gehassten Straßen mit einer E-Bezeichnung wieder.
Zum Glück nur 2 Kilometer, dann habe ich es fürs Erste überstanden, weiß aber auch sofort wieder, warum man diese Straßen als Radfahrer einfach möglichst melden sollte. Sicherheitsabstand kennen hier die Wenigsten.

Am frühen Nachmittag erreiche ich nun Neskollen – mein heutiges Tagesziel. Ein letzter Kilometer, dafür nochmal mit 80 Höhenmetern. Auf dem Tacho finde ich zum Glück kleine Wege, die den Kilometer etwas kürzer machen.
Als ich allerdings ganz schnell vor einer steilen Rampe stehe, kommt auch hier eine längst vergessene Erkenntnis zurück – Abkürzungen sind selten klug.
Also absteigen und schieben. Zumindest ist das der Plan. Mit dem voll beladenen Fahrrad wird selbst das zur kleinen Kraftprobe. Irgendwann stehe ich zwar oben, elegant war das Ganze allerdings nicht.

Den restlichen Nachmittag nutze ich, um zum nahegelegenen See zu spazieren.
Allein der Weg dorthin ist schon wunderschön. Ruhe, Einsamkeit, überall Himbeeren und Blaubeeren.

Sollte ich an dieser Stelle die Regentropfen, die gerade vom Himmel fallen, auch erwähnen oder darf man die ignorieren, weil dabei die Sonne scheint?

Der See selbst dann genau das ,was Norwegen und Schweden für mich ausmacht. Genau so habe ich ihn mir vorgestellt. Ruhig. Klar. Umgeben von Wald. Kein Lärm, keine Hektik, keine Menschenmassen.

Erst hier merke ich, dass ich die ganze Zeit noch unterwegs war. Nicht nur mit dem Fahrrad, sondern auch im Kopf. Und genau hier am Ufer, stellt sich zum ersten Mal dieses Gefühl ein, auf das ich mich so lange gefreut habe:

Angekommen

2 Gedanken zu „Tag 1: Oslo – Neskollen“

  1. Hallo Karina, du bist der Wahnsinn! Aber schöne Bilder! Die Kostkas kommen auch nach Norwegen, evtl fährt ja ein NEW Wohnmobil an dir vorbei. Was ist denn dein Ziel?
    Morgen eine schöne Tour! lG Miriam

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