Wolfsburg – Neumünster – Kiel
Die Nacht war alles andere als erholsam, was jedoch vor jeder Reise so ist. Ich bin es also gewohnt und ein entspanntes Aufbrechen hat auch seine Vorteile.
Die Laufrunde starte ich noch im Dunkeln. Eigentlich etwas, das mir früher deutlich mehr ausgemacht hat. Seit meinen Reisen durch Schweden hat sich das verändert. Ich habe gelernt, dass Dunkelheit nicht automatisch Angst bedeuten muss. Und wer ohne Tageslicht durch Parks in Göteborg oder Stockholm gelaufen ist, den bringt Wolfsburg nicht mehr so leicht aus der Ruhe. Und trotzdem fühlt es sich heute anders an. Obwohl die Stadt objektiv keinen Anlass dazu gibt, begleitet mich auf den ersten Kilometern ein mulmiges Gefühl.
Am Ende werden es dennoch knapp 16 km, auch wenn ich die ursprünglich geplante Route verworfen habe.
Gegen 7 Uhr bin ich startklar. Bis Neumünster sind es rund 240 Kilometer, anschließend noch etwa 20 Minuten mit dem Zug bis zum Hafen. Zeitlich sollte das alles locker reichen. Zumindest laut Plan.
Nach gerade einmal 30 Kilometern ertönt dann dieser Piepton, der in einem Auto eigentlich nie etwas Gutes ankündigt. „Reifen aufpumpen und Druck initialisieren.“ steht in der Anzeige. Sofort schießt mir nur ein Gedanke durch den Kopf: Platten.
Zum Glück ist die nächste Tankstelle direkt in Sicht, also einmal alle vier Reifen kontrollieren.
2,3 bar. 2,3 bar. 2,3 bar. 2,3 bar.
Alles genau so, wie es sein soll. Der Fehler verschwindet, der Puls braucht etwas länger.
Bis auf einen kurzen Stau vor Hamburg verläuft der Rest der Fahrt dann zum Glück ohne weitere Überraschungen. Und genau so darf es jetzt gerne erst einmal bleiben.
In Neumünster ist erstaunlich schnell ein passender Parkplatz gefunden. Jetzt bleibt nur noch die leise Hoffnung, dass das Auto in drei Wochen genau dort noch steht. Und zwar möglichst vollständig und unversehrt.
Nach einem kurzen Rundumblick, ob sich nicht doch noch irgendwo ein Parkverbotsschild versteckt, beginnt nun das alljährliche Ritual: Taschen aus dem Auto, Fahrradträger abbauen und verstauen, Gepäck ans Fahrrad, noch einmal alles kontrollieren.
Gefühlt dauert es ewig. Bis jede Tasche ihren Platz gefunden hat und vor allem die Lenkertasche endlich so sitzt, wie sie soll, vergehen jedes Jahr einige Anläufe. Perfektion muss heute allerdings warten und irgendwann beschließe ich, dass „gut genug“ reichen muss. Das Schiff wartet nicht und die Uhr ist für die Urlaubsruhe etwas zu schnell vorangeschritten.
Kurz nach 12 Uhr erreiche ich schließlich den Bahnhof in Kiel und auch den Fähranleger finde ich problemlos. Den richtigen Zugang für Fahrräder dagegen eher nicht. Aber das gehört irgendwie schon fast dazu. Jeder Hafen funktioniert anders, jede Reederei hat ihre eigenen Abläufe.
Ich frage nach und ein junger Mitarbeiter schickt mich zum Fußgänger-Check-in. Also rein in den Aufzug. Dass ich mein Fahrrad Zentimeter für Zentimeter in den Lift basteln muss, um überhaupt irgendwie darin Platz zu finden, hätte eigentlich Warnung genug sein sollen.
Oben angekommen, bestätigt sich mein Verdacht: falscher Check-in. Die Dame am Schalter erklärt mir freundlich, dass Radfahrer gemeinsam mit den Autos einchecken. Immerhin ist der andere Aufzug deutlich größer, offenbar hatte jemand dort mal ein Fahrrad eingeplant.
Der Rest läuft überraschend reibungslos. Als Radfahrer gehört man zu den wenigen Verkehrsteilnehmern, bei denen Vordrängeln ausdrücklich erwünscht ist und so darf ich, gemeinsam mit den anderen Radreisenden, wieder vor den Autos aufs Schiff.


In dem Moment, als ich über die Rampe rolle, fällt zum ersten Mal ein bisschen Anspannung ab.
Jetzt gibt es nur noch eine Richtung: der Norden.

Bisher durfte ich meine Überfahrten hauptsächlich auf Stena Line – und TT-Line- Fähren verbringen. Dort ist man manchmal schon ganz zufrieden, wenn das Schiff zuverlässig am anderen Ufer ankommt. Optische Highlights gehören eher nicht zum Konzept. Ein Blick auf den Rost an der Außenwand genügt meist als Erinnerung daran, dass die Fähren schon einiges erlebt haben.

Umso überraschter bin ich dieses Mal. Schon im Treppenhaus fällt auf: Hier hat sich tatsächlich jemand Gedanken gemacht. Geschmackvoll gestaltete Gänge, moderne Türen, Bildschirme mit der aktuellen Fahrtroute, in der Kabine sogar ein kleiner Kühlschrank, Schwimmbad, Casino, mehrere Restaurants und Shops, verschiedene Kinder-Bereiche, Shows und Animationsprogramme. Ich war zwar noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff, aber so stelle ich mir die Einsteigerklasse vor. Irgendwo zwischen Fähre und „Urlaub beginnt bereits an Bord“.



Nach diesem kleinen Vorgeschmack weiß ich aber auch wieder, warum ich nie freiwillig eines buchen würde. Für manche ist es der Inbegriff von Erholung: Rundumversorgung, Unterhaltung und alles an einem Ort. Für mich ist es eine zu lange Zeit in einer schwimmenden Kleinstadt mit begrenztem Ausgang und Bewegungsmöglichkeiten. Verdient auch die Bezeichnung “ Gefängnis“.

Ich beschließe, die Zeit bei einem Rundgang ein wenig sinnnvoll zu nutzen.
Und dann dauert es auch nicht lange, bis ich eine Entdeckung mache, die meine persönliche Bewertung sofort nach oben korrigiert: ein Fitnessraum. Genauer gesagt: Laufbänder.
Wer mich kennt, weiß, warum bei diesem Fund die 18 Stunden Überfahrt plötzlich in ein ganz anderes Licht rücken.

Ein weiterer Tag der Reise neigt sich nun dem Ende entgegen.
16 von 20 Stunden Meer liegen noch vor mir. Für viele vielleicht eine entspannte Auszeit. Für mich durchaus eine kleine Geduldsprobe. Die Hinfahrt geht noch, schließlich wartet am Ende Norwegen und Schweden. Die Rückfahrt wird vermutlich die größere Herausforderung werden, wenn das Abenteuer hinter mir liegt und das Schiff mich wieder Richtung Alltag bringt.
Aber jetzt zählt erst einmal nur der Moment. Raus aus dem gewohnten Rhythmus und einfach akzeptieren, dass manche Wege nicht schneller werden, nur weil man es gerne hätte.
