Der Wind ist entweder dein Freund oder dein Trainer
99,7 km / 590 HM
Gesamt 1074,35 km
Sala zu verlassen, fällt mir heute tatsächlich schwer. Es gibt Orte, an denen man nach einer Nacht weiterzieht, ohne noch einmal zurückzublicken. Und dann gibt es Orte wie Sala, bei denen man sich beim Packen ein kleines bisschen fragt, ob man nicht einfach noch bleiben könnte.
Eine wunderschöne Laufrunde am Morgen um den Mellandammen, angenehme 12 Grad und die Sonne, die sich langsam ihren Weg bahnt. Eigentlich ein ziemlich schöner Abschied.
Die Richtung für heute ist allerdings weniger erfreulich. Von Sala geht es nach Arboga und damit genau gegen den Wind. Manche Kilometer werden einem eben geschenkt, die anderen erkämpft.

Da ich die heutige Etappe fast ausschließlich über offizielle Radwegrouten geplant habe, sollten mir eigentlich böse Überraschungen erspart bleiben.

Und so ist es dann auch. Die ersten 36 Kilometer bis Ramnäs sind abwechslungsreich und führen immer wieder an diesen wunderschönen schwedischen Häusern vorbei. Rote Holzwände, weiße Fensterrahmen, dazu die Landschaft, in der alles so wirkt, als hätte jemand sehr sorgfältig darauf geachtet, dass kein Detail zu viel ist.
Lediglich ein 8 km langer Schotterweg, der am 22.8 für einen Tag komplett gesperrt wird, fällt aus der Reihe und kostet ein paar Nerven. Der Grund der Sperrung ist vermutlich das Wiederherrichten dieser Buckelpiste, was auch mehr als überfällig ist.

In Ramnäs erreiche ich den Strömholmskanal. Sofort kommt ein wenig Götakanal-Gefühl auf und damit auch die feste Überzeugung, dass irgendwo hier die perfekte Frühstücksbank auf mich wartet.
Tut sie nicht.
Eine Bank gibt es zwar, mitten im Ort, an einer Kreuzung und im Schatten, aber das ist nun wirklich nicht das Frühstücksambiente, das mir vorschwebt.
Acht Kilometer später, in Surahammar, versuche ich mein Glück erneut. Hier erreiche ich auch den Östersjön. An den Seen ist die Auswahl meist recht groß.
Aber auch hier: nichts.
Am Ende lande ich auf einer Bank vor einem alten, kleinen Fischerhaus.

Bequem ist definitiv anders. Aber der Ausblick entschädigt.

Kaum bin ich wieder aufgebrochen, erwischt mich der Wind direkt von vorn. Wälder gibt es hier kaum, stattdessen geht es über weite Freiflächen und zwischen Getreidefeldern hindurch. Was in den vergangenen Tagen so spielerisch von der Hand ging, wird plötzlich zu einem Kilometer-für-Kilometer-Vorwärtskämpfen.
Es ist schon erstaunlich, wie sehr dieselbe Strecke davon abhängt, was einem gerade entgegenkommt. Ein Rückenwind macht aus Kilometern fast nebenbei Strecke. Ein Gegenwind macht aus derselben Zahl plötzlich eine Aufgabe.

Vor Vedbo werde ich dann plötzlich überholt. Ein „Bikepacker“ auf einem Rennrad, mit einer Satteltasche à la Arschrakete. Zumindest ein halber Bikepacker also.
Freundlich grüßen kann er.
Windschatten geben leider nicht.
Und so fährt er davon.

Mit Köping erreiche ich die letzte größere Ortschaft vor Arboga. Ursprünglich wollte ich die Etappe hier beenden, habe mich am Ende aber dagegen entschieden. Und das war die richtige Entscheidung.
Am Ortsausgang springt mir nach langer Zeit endlich das Schild eines Fahrradladens ins Auge. Die Gelegenheit nutze ich. Ein wenig Luft in den Reifen könnte ich schließlich schon seit einigen Tagen gebrauchen.
Der Fahrradmechaniker freut sich ganz offensichtlich über die Abwechslung und darüber, mir helfen zu können. Die üblichen neugierigen Fragen zu meiner Tour beantworte ich gerne, dann stelle ich mich den letzten 18 Kilometer gegen den Wind.

Mit 100 Kilometern ist dieser Tag kaum länger als die vergangenen, kostet aber ungefähr doppelt so viel Kraft. Es sind nicht immer die Kilometer, die einen müde machen. Manchmal ist es das, was zwischen einem selbst und diesen Kilometern steht.
Als ich in Arboga ankomme, bin ich deshalb vor allem erleichtert, endlich vom Fahrrad steigen zu können.


Aber auch solche Tage gehören dazu.
Tage, an denen nichts leicht von der Hand geht und jeder Kilometer ein bisschen mehr Überwindung kostet. Irgendwann wird aus der großen Strecke nur noch die nächste Kurve, aus den letzten 30 Kilometern werden die nächsten fünf und aus dem Ziel einfach nur noch der Gedanke: weiter.

Am Nachmittag wartet nicht mehr viel auf mich. Nur noch ein ruhiger See, ein wenig Sonne und die Gewissheit und das schöne Gefühl, dass die 100 Kilometer geschafft sind.


