Tag 11: Gävle – Sala

Diese Tage, die nie enden dürften

109,2 km / 487 HM
Gesamt 974,66 km

Sonne am Morgen. Kein Windzug weht. Die endlosen langen Holzgüterzüge auf den benachbarten Gleisen haben auch irgendwann Ruhe gegeben. Und das Thermometer soll heute (angeblich) die 20 Grad Marke reißen, auch wenn aktuell noch 15 fehlen.
Kurz war die Daunenjacke im Kopf, ich wage es dann aber doch mit der erprobten Kleiderordnung , also ohne.
Heute zeigt sich keine Wolke am Himmel, die die Sonne am Wärmen hindern könnte, es sollte also deutlich schneller angenehmer werden.

Kurz darauf die Erkenntnis : Es war wieder ein Trugschluss. Die Sonne scheint zwar und gibt alles, allerdings stellen sich ihr die dichten Bäume der schwedischen Wälder in den Weg, durch die es auf den ersten 30 Kilometern geht. Trotz, dass die Füße und Hände einfach wieder nur eisig sind, wird die Kälte hier irgendwie erträglicher. Vielleicht gewöhne ich mich aber auch einfach nur daran.

Viele Kilometer geht es zu Beginn wieder über eine Bundesstraße. Und hier fällt mir etwas auf, das sich in diesem Jahr offenbar verändert hat: Ausgerechnet die Lkw-Fahrer sind es, die sich bisher ausgesprochen vorbildlich und mit erstaunlich viel Rücksicht an mir vorbeischieben. Sie halten Abstand, warten einen passenden Moment ab und geben mir das Gefühl, auf dieser Straße tatsächlich gesehen zu werden.
Bei den Autos kann ich das leider nicht immer behaupten. Manche rauschen vorbei, mit der festen Überzeugung, ich würde schon irgendwie nicht im Weg sein.
Dabei war es in den vergangenen Jahren genau andersherum. Vielleicht liegt es an meiner diesjährigen Route, vielleicht ist es Zufall. Aber nach anderthalb Wochen auf schwedischen Straßen fällt mir dieser Unterschied inzwischen deutlich auf.
In all den vergangenen Tagen sind mir auch diese Selbstmörder-Straßen erspart geblieben. Anscheinend bekommt man irgendwann ein Blick dafür, welche Straßenbezeichnungen man meiden sollte.
Die kleine Freude am kalten Morgen.

In NorraBrunn lasse ich die Bundesstraße rechter Hand liegen und wähle die deutliche schönere Strecke am Dalälven entlang. Hier hoffe ich auch auf einen Frühstücksplatz.

Und wie so oft an solchen Seen dauert es nicht lange.

Während der Wind in den letzten Tagen selbst die schönsten Pausen immer wieder etwas sabotiert hat, könnte es heute kaum besser sein. Die Sonne scheint mir ins Gesicht, vor mir liegt das Wasser und kein einziger Luftzug bewegt die Oberfläche.

Ein Ort, an dem ich jetzt einfach bleiben könnte. Nicht, weil die Reise nicht weitergehen soll, sondern weil manche Plätze einen für einen Moment vergessen lassen, dass man überhaupt irgendwohin unterwegs ist.

Schweren Herzens packe ich meinen kleinen Schweden-Moment irgendwann wieder zusammen und setze meine Fahrt fort. Noch ein Stück darf ich am Wasser entlangfahren, bevor die schöne Strecke langsam endet und ich wieder auf die Bundesstraße zurückkehre.
Auf den 10 Kilometern, die ich mit einigem Abstand parallel gefahren bin, hat sie sich allerdings deutlich verändert.
Und so stehe ich nun tatsächlich vor diesem Schild, das einer dieser Straßen des Todes ankündigt.

Selbst wenn die Auto- und Lkw-Fahrer ausweichen wollten, könnten sie es nicht. Dafür sorgt das gespannte Drahtseil mitten auf der Straße.
Eine Alternative gibt es leider keine.

Also Luft anhalten und los.

Gott sei Dank sind heute deutlich mehr Autos als Lkws unterwegs. Die kann ich ganz gut im Blick behalten und mich so weit wie möglich an den rechten Rand drücken. Bei den Lastautos sieht die Sache allerdings anders aus. Vor denen habe ich schlichtweg Respekt. Der Luftsog, den so ein Koloss verursacht, macht aus dem Fahrrad plötzlich ein ziemlich unberechenbares Fortbewegungsmittel.
Also fahre ich immer ein kleines Stück, drehe mich in den ruhigen Momenten um und hoffe, dass hinter mir nichts Größeres auftaucht. Kommt ein Lkw, heißt es: anhalten, warten, tief durchatmen und weiterfahren.

Zwei Kilometer und gefühlt drei überlebensnotwendige Atemzüge später, ist der Spuk endlich vorbei. Ich kann auf einen kleinen Weg parallel zur Straße ausweichen.
Was für ein Nervenkrieg.

Kurz vor Heby wechsle ich die Himmelsrichtung.
Goodbye, Rückenwind.
Ab jetzt geht es Richtung Westen. 15 Kilometer sind es noch bis Sala.

Der Tacho sagt: einmal links. Auf dem kleinen Schotterweg 500 Meter geradeaus, dann wieder links. Beim zweiten Mal links ist die Linie wieder blau gestrichelt. Aber nur gute 300 Meter, dann sollte es wieder besser werden.

So zumindest die Theorie.

Der Weg, der vor mir liegt, verdient eigentlich nicht einmal den Namen Pfad. Aber ich komme erstaunlicherweise voran. Zwei Baumstämme, die offenbar ganz bewusst quer über den Weg gelegt wurden ( spätestens hier sollte meine Erfahrung eigentlich zuverlässig dazwischenfunken), über- beziehungsweise umkurve ich.

Kurz darauf wird es tatsächlich wieder besser fahrbar. Noch 200 Meter also, dann bin ich zurück auf der Straße.

Ein Schlagbaum vor einem Gehöft beendet diese Vorstellung nach 2 Minuten abrupt.
Einige Meter hinter mir eine Barriere, direkt vor mir die nächste. Da meint es jemand offenbar ernst. Und für alle, die es dennoch nicht glauben wollen, versteckt sich dahinter nicht selten die akustische Ergänzung in Form eines bellenden Hundes.
Da ich aber die Straße schon sehen kann, beschließe ich, mein Glück herauszufordern.
Einmal bücken, das Fahrrad passt zum Glück perfekt unter dem Schlagbaum hindurch.
Schritt eins, Schritt zwei, Schritt drei …

Bellender Hund!!!

Mist.

Und schon bin ich wieder auf der anderen Seite der Schranke.

Und jetzt?

Kurzer Blick auf die Karte – ein Stück zurück, dort geht nochmal ein blau gestrichelter Weg in Richtung Straße.

Auch hier komme ich zum Glück mit viel Fingerspitzengefühl hindurch.
Kurz vor Ende jedoch ein Dejavu. Das nächste Grundstück. Vorsichtig wage ich mich darauf.
Sofort fällt mir der Hundezwinger ins Auge.
Bitte nicht schon wieder.

Ich werfe einen Blick auf die Terrasse. Dort hängen Wäsche, Kissen und Decken. Es scheint also jemand zu Hause zu sein. Ob mich das gerade beruhigt, weiß ich allerdings selbst nicht so genau.
Der Besitzer könnte jetzt meine Rettung sein oder mein Untergang. Es hängt vermutlich nur davon ab, welches Kommando er seinem Hund zuruft.
„Bleib!“ wäre mir in diesem Moment jedenfalls deutlich lieber als „Fass!“

So unbemerkt und leise, wie nur möglich, fahre ich hindurch und erreiche Gott sei Dank, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, die Straße.

12 km noch, dann ist das Tagesziel erreicht.
Gerne unspektakulär, wenn möglich.

Am frühen Nachmittag erreiche ich Sofielund, ein kleines und vor allem günstiges Vandrarhem am Mellandammen.
Und wie der Namen schon vermuten lässt, es ist ein Traum.

Das Thermometer hat inzwischen tatsächlich eine sommerliche Temperatur erreicht.
Bei 22 Grad mache ich mich zu Fuß auf den Weg in die Stadt und schon unterwegs merke ich: Dieser Ort packt mich.

Sala strahlt eine besondere Ruhe und Gemütlichkeit aus. Wunderschöne Häuser, ein kleiner Marktplatz und ein gepflegter Park.

Ich schlendere durch die Straßen und lasse diesen Ort auf mich wirken.
Doch irgendwann zieht es mich weiter, hinaus zum See.

Ein schöner Badesteg ist schnell gefunden. Und so berühren zum ersten Mal auf dieser Reise zwei meiner Körperteile schwedisches Süßwasser.

Ich genieße die Sonne, die Wärme, das Plätschern des Wassers am Steg.
Lange hat er auf sich warten lassen, der richtige schwedische Sommer.

Einige Zeit später kommt ein älteres schwedisches Ehepaar dazu, ein wenig mutiger als ich. Wir kommen ins Gespräch und irgendwann erfahre ich, dass der See gerade 21 Grad hat. Eigentlich gar nicht so kalt, wenn man die kalten Nächte bedenkt.
Es wird eines dieser ungeplanten Gespräche, die einen Tag auf eine ganz besondere Weise abrunden. Wir reden über dieses und jenes, lachen, erzählen und tauschen ein paar Gedanken aus. Was für ein schöner Abschluss.

Während die beiden irgendwann ihre Bahnen im See ziehen, mache ich mich langsam zu Fuß zurück in Richtung Sofielund.

Als ich an ein letztes Mal an ihnen vorbeigehe, höre ich nur noch ein: „Nice to meet you.“

Und das ist eines der schönsten Komplimente, das man am Ende eines Gesprächs bekommen kann.

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