„Vielleicht macht gerade der Gedanke an das Ende die Gegenwart ein kleines bisschen kostbarer.“
97,6 km / 522 HM
Gesamt 1370,04 km
Mein Tag startet mit einem wunderschönen Lauf am Götakanal. Die Sonne steht bereits in den Startlöchern, während weit und breit weder Spaziergänger noch Radfahrer unterwegs sind. Nur die Kühe und Schafe am Kanal sind offenbar schon länger wach und schauen mir interessiert hinterher.
Viel Gesellschaft brauche ich um diese Uhrzeit ohnehin nicht. Und die tierischen Zuschauer sind angenehm zurückhaltend.
So beginnt der Tag ziemlich genau so, wie man ihn sich am Götakanal wünscht

Die ersten 26 Kilometer führen heute noch am Götakanal entlang, bis er in Sjötorp in den Viken mündet. Über eine Stunde lang begleitet mich dieses idyllische Bild aus Wasser, kleinen Brücken, roten und gelben Wärterhäuschen und viel Ruhe.
Da kann der Wind ruhig von vorne kommen. Bei so einer Kulisse fällt selbst Gegenwind erstaunlich leicht. Zumindest für eine Weile.

Mein heutiges Ziel ist Mariestad. Der direkte Weg wäre allerdings viel zu kurz, deshalb gönne ich mir eine großzügige Schleife in südwestlicher Richtung. Und wie es der Zufall so will, hat auch der Wind genau diese Richtung für sich entdeckt.
Ganz so stark und böig wie vor ein paar Tagen ist er zum Glück nicht. Aber kräftig genug, um mich zuverlässig auszubremsen.

In Wassbacken komme ich am Campingplatz von 2023 vorbei. Und damit auch die Erinnerung an diese Reise.
Diese Hütte hat mir an diesem Nachmittag Regenschutz geboten – wie 125 andere Unterstände in dem Jahr auch.

Am südlichsten Punkt der heutigen Etappe wartet der Kinnekulle auf mich, ein Höhenzug am Ostufer des Vänern. Der erste und zugleich einzige wirklich steile Anstieg des Tages. Und der hat es in sich. Zum Glück ist Straße gerade so breit, dass ich mich mit engen Serpentinen nach oben arbeiten kann. Ansonsten müsste man wohl schieben, was mit Gepäck wenig Spaß machen würde.
Die verbleibenden 30 Kilometer bis Mariestad führen nun wieder Richtung Norden. Eigentlich müsste der Südwestwind jetzt langsam zum hilfreichen Begleiter werden.
Eigentlich.
Denn mittlerweile hat auch der Wind seine Richtung geändert und kommt aus Nordwesten. Damit ist die Rechnung schnell gemacht: Die fehlenden Höhenmeter des heutigen Tages werden kurzerhand durch Gegenwind ersetzt. Irgendwie muss man die Etappe schließlich vollständig auslasten.

Heute folge ich wieder brav dem Västra Götaleden. Die letzten Tage haben schließlich gezeigt, dass sich das lohnt. Die Strecke ist wunderschön und meistens ist die Entscheidung für die ausgeschilderte Route genau die richtige.
Zumindest bis man an die Stelle kommt, an der man bei der Streckenplanung nicht aufmerksam genug hingeschaut hat.
Grünes Schild: E20
Grünes Schild: selten gut
Wie lange?
Der Tacho sagt 3 km.
Nicht ewig lang, aber eben auch nicht mal eben 2 Minuten und dann fertig.
Gerade als ich mich meinem Schicksal stellen will, entdecke ich einen parallel verlaufenden Schotterweg.
Erleichterung.
Die Erleichterung hält jedoch ungefähr so lange, bis ich sehe, was sich dort unter meinen Reifen befindet: faustgroße Steine, bei denen man sich irgendwann fragt, ob die noch als Schotter durchgehen oder schon Geröll.
Also kämpfe ich mich zwei Kilometer über Stock und Stein. Dann endet auch dieser Weg.
Bleiben: 1.000 Meter E20.
Mein großes Glück ist heute der Sonntag. Autos sind zwar genug unterwegs, aber zumindest bleibt mir das ganz große Vergnügen erspart, dass sich zusätzlich noch ein Lkw mit gefühlt 90 km/h von hinten nähert.
Also Augen auf, Lenker festhalten und durch.
Die restlichen 15 km bleiben ruhig, bis auf den Wind, der mir seine Präsenz immer wieder beweisen muss.
In Mariestad bin ich heute erneut in einer der Jugendherbergen der schwedischen Touristenvereinigung (STF). Genau wie in Edsbyn, ist es auch hier wunderschön.

Mariestad hatte ich bisher tatsächlich nie als Ziel auf dem Schirm. Irgendwie hatte ich die Stadt als eine der weniger schönen größeren Städte Schwedens abgespeichert. Ein ziemlich großer Irrtum.
Denn trotz ihrer Größe hat Mariestad erstaunlich viel Charme und Gemütlichkeit. Natürlich merkt man an einigen Stellen, dass der Tourismus hier eine wichtige Rolle spielt. Trotzdem wirkt die Stadt nicht überlaufen, sondern angenehm beschaulich.



Vor allem im Ekudden Naturreservat, nur wenig hundert Meter neben dem Zentrum, findet man die Ruhe und Natur, die man so gerne sucht.
