Das Fährticket beendet nicht die Reise. Es beendet nur die freie Wahl der Richtung.
94,4 km / 473 HM
Gesamt 1464,43 km
Jeder Morgen bringt inzwischen ein wenig mehr Schwere mit sich.
Die Sonnenaufgänge sind gezählt. Und während der Kompass unbeirrbar weiter in Richtung Göteborg zeigt, wird mir mit jedem Kilometer bewusster, dass diese Reise langsam ihrem Ende entgegengeht.
Dabei wartet zu Hause eigentlich nur ein kurzer Zwischenstopp: Gepäck tauschen und schon geht es weiter. Zehn wunderschöne Tage Österreich liegen noch vor mir.
Und trotzdem fällt der bevorstehende Abschied schwer. Jedes Jahr. Immer wieder.
Vielleicht, weil man sich an dieses Leben unterwegs jedes Mal aufs Neue gewöhnt. An die Freiheit, die Einfachheit, das ständige Draußensein und daran, morgens nicht zu wissen, was der Tag bringen wird.
Es ist nur ein Abschied auf Zeit. Das weiß ich.
Aber Wissen macht Abschiede nicht leichter. Es macht sie nur verständlicher.

Auf meiner morgendlichen Laufrunde sind die Straßen zwar noch nass, aber zumindest fällt kein Regen mehr. Der für den Vormittag angekündigte Regen hat sich glücklicherweise verabschiedet. Erst ab etwa 16 Uhr soll es in Tidaholm, meinem heutigen Ziel, wieder nass werden.
Dennoch packe ich die Schlechtwetterkleidung griffbereit. Diese 5x geänderten Prognosen waren bisher selten zuverlässig.
Gestern sind bei strahlendem Sonnenschein im Hafen gleich drei verschiedene Routen entstanden. Heute fällt meine Wahl auf die Variante über Hjo. Ein Ort, den ich schon lange einmal sehen wollte.
Fehler Nummer 1.
Nach gerade einmal 20 Kilometern auf einer großen Bundesstraße ist die Begeisterung für diese Entscheidung allerdings Geschichte. Also wird kurzerhand improvisiert: Route abbrechen, auf einen kleinen Fahrweg ausweichen und südwärts auf eine andere Variante wechseln.
Damit wäre fürs Protokoll auch eine weitere Erkenntnis dieser Reise festgehalten:
Nicht nur Straßen mit 100 km/h meiden. Auch dreistellige Straßennummern sind offenbar kein Qualitätsmerkmal.
Variante 2 überzeugt kurze Zeit später deutlich mehr. Hier habe ich sie wieder, die kleinen Straßen, die sich durch die Landschaft schlängeln.
An einer Stelle, an der ich gestern rechts abgebogen und dem Vänernleden gefolgt bin, geht es nun geradeaus weiter. Das Baustellenschild von gestern, steht auch heute noch und teilt mit, dass es hier schon mal bis zu 30 Minuten dauern kann. Die Ampel steht zwar auf rot, da aber zwei Bauaufsichtspersonen in gelber Warnweste das Lichtsignal bewachen, frage ich, ob ich durchfahren darf.
Ob ich an der Straße wohnen würde, werde ich nur gefragt.
Mein “ Ja, ich war auf Radreise, komme gerade vom Nordkap und möchte gerne nach Hause“, glaubt er mir dann leider doch nicht.
Stattdessen erklärt er mir, dass große Baustellenfahrzeuge unterwegs sind und es ziemlich riskant wäre, jetzt dort durchzufahren. Als ich ihm erkläre, dass zehn Kilometer Umweg mit dem Fahrrad ungefähr die Definition von „kein Spaß“ sind, darf ich schließlich auf eigene Gefahr weiter.
Also 3 km Baustelle.
2 km gehen gut, dann hält mich der nächste Arbeiter in gelber Warnweste auf. Beim Blick auf den frischen Straßenbelag vor meinen Füßen ahne ich, was er mir sagen will.
„Hier kannst du leider nicht weiter, du musst außen herum fahren.“
Wieder erkläre ich ihm das Problem Fahrrad und Umleitungen und ob er keine Ausnahme machen kann.
“ Thats sweden“ , bekomme ich nur zu hören. Immerhin lächelt er, dadurch wirkt er sympathisch.
Ich verhandle noch etwas, dann bietet er mir an, ich darf weiter, muss aber am Straßenrand schieben.
Einen Kilometer lang.
Will ich das?
Nein!
Ich schaue auf die Karte. Etwa 200 Meter weiter zweigt ein kleiner Weg ab, über den ich wieder auf meine Route komme. Damit ist auch der Bauaufsicht gedient.
Der Abzweig ist schnell erreicht. Die ersten Teerflecken an meinen Schuhen allerdings ebenfalls.
Vielleicht war das Durchfahrtsverbot doch nicht ganz unbegründet.
Kaum bin ich auf dem Weg, entdecke ich das nächste Schild:
Durchfahrt verboten.
Natürlich.
Da ist er wieder, dieser Weg, der kurz vor dem Ziel plötzlich eine kleine Überraschung bereithält. Ich hadere kurz. Ja oder nein?
Ich entscheide mich für ja.
In meiner Vorstellung wird es schon irgendeinen Weg geben. Zur Not über Wald und Wiese. Dass genau diese Strategie bisher zuverlässig schiefgegangen ist, verdränge ich für den Moment.
Knapp ein Kilometer. Dann müsste die andere Straße kommen.
Und tatsächlich: Ich sehe sie.
In der Ferne entdecke ich allerdings auch eine Einfahrt.
Déjà-vu.
Je näher ich komme, desto größer wird die Hoffnung auf ein Happy End. Die Straße verläuft tatsächlich vor der Einfahrt.

Mit Skövde erreiche ich eine Stadt, in der sich sogar die Sonne für ganze zehn Minuten blicken lässt. Da ich allerdings nur am Stadtrand vorbeifahre, lohnt sich der große Fotostopp eher nicht.
Gegen Mittag erreiche ich mein heutiges Ziel: Tidaholm.
Keine Sonne, aber auch kein Regen und vor allem kein Wind. Ein Wetterkompromiss, mit dem ich heute durchaus leben kann. Bis etwa 16 Uhr soll das trockene Zeitfenster halten. Perfekt, denn damit ist mein Spaziergang durch den Ort gesichert.
Und weil ich inzwischen gefragt wurde, ob es bei mir eigentlich immer nur Frühstück gibt:
Nein.

Am Nachmittag geht es zu Fuß los. Vorbei am Schloss, in dem heute eine Schule untergebracht ist, und entlang des Flüsschens Tidan bis ins Zentrum.
Und wieder erwartet mich einer dieser kleinen, beschaulichen Orte, die gar nicht viel brauchen, um ihren eigenen Charme zu entwickeln.


Es gibt Orte, an die man reist, um etwas Neues zu entdecken. Und es gibt Orte, zu denen man immer wieder zurückkehrt, weil sie einem etwas geben, das man anderswo nur schwer findet.
Schweden ist für mich genau so ein Ort.
Ich war schon oft hier. Und trotzdem passiert jedes Mal dasselbe: Irgendwann wird es still in mir. Nicht plötzlich und nicht spektakulär. Eher ganz langsam, Kilometer für Kilometer. Die Gedanken werden weniger, der Alltag rückt weiter weg und irgendwann merke ich, dass ich nicht mehr ständig irgendwohin muss.
Vielleicht ist es diese Weite. Die klaren Seen, die Wälder, die roten Häuser, die kleinen Straßen, auf denen einem manchmal minutenlang niemand begegnet. Vielleicht ist es aber auch etwas, das sich schwerer beschreiben lässt. Eine Gelassenheit, die diesem Land innewohnt und die sich irgendwann auf einen selbst überträgt.
Aber auch Begegnungen, die oft nur wenige Minuten dauern und trotzdem bleiben. Ein Gespräch am Wegesrand. Eine unerwartete Geste. Jemand, der sich Zeit nimmt, obwohl man sich überhaupt nicht kennt. Es ist dieses gelassene Herz, das immer wieder durchscheint. Nichts Großes. Aber genau deshalb so wertvoll.
Vielleicht komme ich deshalb immer wieder hierher.
Nicht, weil ich Schweden noch nicht gesehen hätte.
Sondern weil ich mich hier jedes Mal ein bisschen anders wiederfinde.
Ich bin in den vergangenen Wochen viele Kilometer gefahren. Aber eigentlich habe ich etwas ganz anderes gesucht: Abstand. Vom Alltag, von dem, was ständig Aufmerksamkeit verlangt, von Gedanken, die zu Hause oft lauter sind, als sie sein müssten.
Nun liegen die letzten Tage dieser Reise vor mir.
Und während ich noch einmal an Seen entlangfahre, an diesen wunderschönen Häusern vorbeikomme und die Ruhe aufsauge, weiß ich schon jetzt: Ich werde wiederkommen.
Nicht, weil Schweden jedes Mal etwas Neues für mich bereithalten muss.
Sondern weil es mir immer wieder etwas zurückgibt, das ich unterwegs manchmal verliere:
Ruhe.
