Neskollen – Hamar
96,2 km / 900 HM
Sonnenuntergänge erlebe ich auf diesen Reisen meist eher nicht, dafür die schönsten Aufgänge, so auch heute Morgen wieder. Das Thermometer zeigt 9 Grad, zum Laufen perfekt, später auf dem Rad mit Jacke zumindest erträglich.


Da meine Nacht erneut nicht der Rede wert war, sitze ich entsprechend früh im Sattel. Der lange Anstieg von gestern wartet nun gleich zu Beginn in umgekehrter Richtung. Bergab. Bei 15 Grad wäre das ein herrlicher Start in den Tag. Als Kaltstart hält sich die Freude in Grenzen.
Im Tal wird schnell klar: Es geht noch kälter. Der Tacho zeigt nur noch fünf Grad. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, die Handschuhe hervorzukramen. Kurz deshalb, weil ich keine Ahnung habe, in welcher meiner Taschen sie verschwunden sind. Also siegt zunächst die Bequemlichkeit über die Vernunft.
Drei Kilometer später kapituliere ich dann allerdings doch.
Eine Möglichkeit, das Rad anzulehnen, ist schnell gefunden. Die Handschuhe dagegen bleiben verschwunden. Weder im Packsack noch in den beiden Seitentaschen. Bleibt nur noch die Lenkerrolle. Die sitzt allerdings nach den morgendlichen Nachbesserungen endlich perfekt, das soll auch so bleiben. Also fahre ich weiter. Die Sonne wirds schon richten, sie müsste nur irgendwann mal hinter der EINZIGEN Wolke am Himmel hervorkommen.
Keine 2. Kilometer später sehe ich unter der Temperaturanzeige nur noch eine „2“. Meine Hände und vor allem auch Füße bestätigen diese Kälte. Jetzt wäre ein Berg nicht schlecht um wenigstens ein bisschen warm zu werden. Dieser Wunsch erfüllt sich natürlich nicht und so versuche ich weiter kläglich, irgendwie die Wärme in meine Gliedmaßen zurück zu bringen.
26 km sind es noch bis Eidsvoll. Dort wartet ein Supermarkt. Heute hoffe ich weniger auf etwas zu essen als auf die Chance, irgendwo für ein paar Minuten aufzutauen.
Zwei Stunden und ungefähr 5 Aufwärmpausen später erreiche ich endlich den Ort. Das Thermometer zeigt inzwischen immerhin 8 Grad. Fast schon sommerlich, wenn man bedenkt, wo ich gestartet bin. Ein kurzer Abstecher in den Supermarkt genügt, um zumindest meine Füße wieder zu spüren.
Direkt hinter dem Supermarkt wartet nun zum Glück auch gleich ein kleiner Rastplatz in der Sonne. Manchmal braucht es gar nicht viel: ein warmer Kaffee, etwas zu essen und die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht. Der Wohlfühlfaktor steigt schlagartig.

Gut aufgewärmt geht es weiter Richtung Hamar. Ab hier zeigt sich die Strecke von ihrer schönsten Seite. Das Wasser des Mjøsa glitzert in der Sonne, die Temperaturen werden endlich angenehmer und ein traumhafter Radweg schlängelt sich über Minnesund fast durchgehend am See entlang. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich auf einer Tour zuletzt so oft angehalten habe, nur um Fotos zu machen.

Mehr als einmal hatte ich mit dem Gedanken gespielt, von Oslo nach Lillehammer zu radeln. Genauso oft habe ich ihn wieder verworfen. Zu groß war die Sorge, die Route würde größtenteils an einer stark befahrenen Straße entlangführen. Tatsächlich verlaufen Schnellstraße und Bahnlinie meist in Sichtweite. Doch erstaunlicherweise stört beides kaum. Züge sind selten, und vom Verkehr hört man eigentlich nur etwas, wenn man bewusst darauf achtet.
Mit jedem Kilometer wächst wieder dieses Gefühl, das mich im Norden immer begleitet. Eine tiefe Zufriedenheit. Und Dankbarkeit. Für diese Landschaft, für die Ruhe, für die Freiheit und für das große Privileg, all das erleben zu dürfen und zu können.
Und vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erkenntnisse, die ich von meinen Reisen mitnehme.

In weiter Entfernung zur Großstadt sind auch die Autofahrer wieder ausgesprochen freundlich, ebenso wie die Menschen, denen man begegnet. Jeder grüßt. Und was noch viel bedeutender ist – jeder grüßt mit einem echten Lächeln auf den Lippen. Selbst der Lokführer des norwegischen Holzgüterzugs winkt, als er mir entgegen kommt.
Kurz hinter Espa führt der Radweg durch ein kleines, beschauliches Wohngebiet. Zwischen viel Grün stehen verstreut die typisch norwegischen Holzhäuser, jedes für sich, bunt gestrichen und irgendwie genau so gemütlich, wie man sie sich vorstellt.
Auf einer Terrasse stehen zwei Norweger und grüßen freundlich, als ich vorbeifahre. Für einen kurzen Moment denke ich, wie schön es wäre, einfach anzuhalten und ein paar Worte zu wechseln. Doch wie so oft fährt man weiter.
Allerdings nur ein paar Meter.
Mitten auf dem Radweg liegt ein Brief. Ich bremse, hebe ihn auf und drehe um. Als ich ihn den beiden auf der Terrasse reiche, strahlt die Frau sofort. Der Brief, erzählt sie, gehört der Nachbarin. Aus einem kurzen Dankeschön entwickelt sich ganz von selbst ein kleines Gespräch. Woher ich komme, wohin ich unterwegs bin und welches Tagesziel ich mir vorgenommen habe.
Nach ein paar netten Minuten schwinge ich mich wieder aufs Rad. Es war nur eine winzige Unterbrechung, aber genau solche ungeplanten Begegnungen machen für mich den Reiz dieser Reisen aus. Es reichen ein paar freundliche Worte und schon nimmt man mehr mit als nur die nächsten Kilometer.

Noch immer führt der Radweg durch eine Landschaft, die abwechslungsreicher kaum sein könnte. Mal begleitet mich der Mjøsa mit seinen weiten Ausblicken, dann geht es wieder durch kleine Wälder, über Felder oder vorbei an vereinzelten Höfen.

Kurz hinter Tangen beginnt schließlich der längste Anstieg des Tages. Ein großer Teil der Strecke verläuft hier auf dem Pilgrimsleden, dem skandinavischen Pilgerweg, der vom Vänern in Schweden bis nach Trondheim führt.
Die Route ist hervorragend ausgeschildert. Gefühlt steht alle paar hundert Meter eines der kleinen hölzernen Wegweiser.
Nach ungefähr zwei Stunden zäher Verhandlungen mit meinem Gewissen gewinnt… nun ja… nicht mein Gewissen.
Eines dieser hübschen Holzschilder befindet sich jetzt in meinem Rucksack.
Aber ganz ehrlich: Drei Wegweiser auf einem Kilometer. Da fällt einer weniger doch wirklich nicht auf. Oder?
Andenken eben. Das ist erlaubt…
…Ist es doch oder zählt das bereits als Straftat?
Immerhin beruhigt mich der Gedanke, dass ich seit inzwischen drei Jahren mit dem Plan spiele, eines der norwegischen Elch-Warnschilder mitzunehmen. Dagegen wirkt so ein 25 Zentimeter langes Holzschild fast schon wie eine ausgesprochen vernünftige Entscheidung.

Keine Sorge… die Elchschilder stehen natürlich alle noch.

Auf diesem Streckenabschnitt folgt nun ein schöner Rast- und Übernachtungsplatz nach dem Anderen. Kleine Unterstände, Feuerstellen, Wiesen direkt am Wasser. Einer einladender als der nächste.
Manchmal wünsche ich mir, ich hätte ein bisschen mehr Mut. Den Mut, an genau so einem Ort einfach das Zelt aufzuschlagen, den Abend dort zu verbringen und erst am nächsten Morgen weiterzufahren.
Und am Ende sind es oft die schönsten Erlebnisse, die genau dort beginnen, wo man zunächst zögert. Vieles, wovor ich anfangs Respekt oder sogar ein bisschen Angst hatte, ist am Ende zu einer der schönsten Erinnerungen geworden.
Nicht jeder Schritt aus der Komfortzone endet in einem Abenteuer. Aber fast jedes Abenteuer beginnt mit einem Schritt aus der Komfortzone. Vielleicht sollte ich mir das viel öfter vor Augen halten.
Und diese Tour beweist es mir heute wieder einmal auf die schönste Art.

Am frühen Nachmittag erreiche ich schließlich Hamar. Nach den fast 100 Kilometern bleibt genügend Zeit, die Stadt in Ruhe zu erkunden und den Tag entspannt ausklingen zu lassen.

Das Zentrum selbst ich nicht sonderlich sehenswert. Wie so oft sind es gerade die größeren Orte, die landschaftlich nicht mit den vielen kleinen Dörfern und den ruhigen Abschnitten dazwischen mithalten können.
Ganz anders sieht es am Ufer des Mjøsa aus. Dort führt ein wunderschöner Weg direkt am Wasser entlang. Mit der Sonne im Gesicht und dem Blick über den See lasse ich den Tag bei einem langen Spaziergang zuende gehen. Es sind genau diese ruhigen Stunden ohne Zeitdruck, die auf solchen Reisen fast genauso wertvoll sind wie die Etappen auf dem Rad.

Und wenn mich irgendwann einmal jemand fragt, warum ich immer wieder in die skandinavischen Länder reise, dann werde ich unter Anderem wahrscheinlich genau an diesen Tag denken.
